Ein kolossales Stadtareal: Ein Blick von oben auf das historisch bedeutende Karree an der Normannenstraße.
Foto:  Ullstein

Berlin LichtenbergDas Areal, auf dem seinerzeit die Staatsicherheit der DDR beheimatet war, befindet sich in einer Situation, die man mit einem Philosophenwitz beschreiben könnte. Da ist ein Mensch ins Wasser gefallen und ruft verzweifelt um Hilfe. Fragt ein anderer am Ufer zurück: „Was ist passiert?“ Antwortet der Ertrinkende: „Ich habe keinen Grund.“ Das missversteht der am Ufer als erkenntnistheoretisches Paradox: „Wenn Sie keinen Grund haben, warum schreien sie dann so?“

Gleichwohl gibt es Anlass zur Besorgnis. Zwar ist in den letzten Jahren viel passiert, um das ausgedehnte Karree in Lichtenberg (zwischen Normannenstraße, Magdalenenstraße, Frankfurter Allee und Ruschestraße) als Erinnerungsort zu konsolidieren. Die hier ansässige Stasi-Unterlagenbehörde soll künftig im Bundesarchiv fortgeführt werden. Daneben haben sich eine ganze Reihe von Einrichtungen und Initiativen angesiedelt (die Antistalinistische Aktion Berlin-Normannenstraße e.V. mit dem Stasi-Museum, die Robert-Havemann-Gesellschaft mit dem Archiv zur DDR-Opposition, das Bürgerkomitee 15. Januar usw.), die sich mit der prekären Geschichte kritisch auseinandersetzen.

Derlei Standorte der Aufarbeitung allein reichen aber nicht, wenn man dem Quartier eine Zukunft geben will, die mehr ist als ein Abglanz des Gestern. Die Notwendigkeit eines erinnerungskulturellen Narrativs ist ja unbestritten. Aber diese Erzählung muss weitergesponnen werden – und noch viel mehr Menschen in den Bann ziehen.

Öffentliche Sinngebung

Was fehlt, ist eine ausgreifende Idee, eine Vision für das gesamte Areal, eine öffentliche Sinngebung. Ein übergeordnetes Place-Making. Stattdessen droht man sich im Klein-klein einzelner Bauentscheidungen zu verlieren. Fragte man einen Passanten, welche Ausstrahlung der Standort denn habe, würde die Antwort vermutlich lauten: Eine sehr heruntergedimmte und abweisende, eher unscheinbare, trotz teilweise kolossaler Bauten. Freilich können just darin seine Qualitäten und Möglichkeiten liegen: Nämlich den grauen Alltag zum großen Thema zu machen.

Worum es geht, ist zweierlei: Öffentlichkeit herstellen und Geschichte im Zukünftigen spiegeln. Das ist etwas Neues, Zusätzliches, das nicht nur auf kritische Aufarbeitung, sondern auch auf Interaktion und Mobilisierung setzt. Man muss das Areal zu einem gesellschaftlichen Ort machen, eine „res publica“ definieren und einen zeitgenössischen öffentlichen Raum darin kreieren. Der sollte einladend und authentisch sein, mit Aufenthalts- und Entdeckungsqualitäten, ohne indes seine schwierige Herkunft und Geschichte zu verleugnen – alles andere als ein repräsentativer Schmuckplatz also.

Beim Sturm auf die Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990.
Foto: Ullstein

Zudem ist es geboten, dass neben der Rückschau eine Auseinandersetzung mit Gegenwart und Zukunft erfolgt. Dazu braucht es entsprechende Angebote. Bislang geht es nur um die Retrospektive. Dem müsste etwas Prospektives zur Seite gestellt werden – Themen etwa wie die Indienstnahme von Gesichtserkennungssoftware in China und der implizite Zwang zu opportunem Verhalten. In der leerstehenden Randbebauung könnten Ateliers für Künstler entstehen. Der Ort benötigt Anreicherungen und Frequenzbringer – damit eine Infrastruktur aus Cafés, Kneipen etc. entstehen kann. Und es braucht ein Veranstaltungsforum, eine kontinuierliche Bespielung des Ganzen. Baulich ist dafür eigentlich schon alles da.

Und die Vision? Was spricht gegen so etwas wie das Wiener Museumsquartier in neuzeitlicher Übersetzung? Ein großer, weitgehend geschlossener Block, dem kulturelles Flair eingehaucht wird? In der österreichischen Hauptstadt gruppieren sich rund 60 kulturelle Einrichtungen in mehreren Innenhöfen; die Kombination aus Kunst- und Lebensraum und der Mix aus historischen Gebäuden sorgen für eine einmalige Atmosphäre. Mit einem entscheidenden Unterschied: Der Stadtraum an der Normannenstraße verkörpert die Zeitschicht der letzten 50-70 Jahre – heute oft ungeliebt.

Befreiungsschlag

Was zu einem zweiten Aspekt führt: nämlich einem exemplarischen Umgang mit dem Vorgefundenen, diesem seltsamen Nutzungsmix aus Büros, Wohnen, Archiven und Finanzamt. Die behutsame Behandlung der Hinterlassenschaften der Nachkriegsmoderne kann ein Antidot schaffen zum Virus des Rekonstruktivismus (Humboldt-Forum, Bauakademie). Das könnte sogar ein Befreiungsschlag sein. Einmal nicht ikonographische (historistische) Architektur und signature buildings, sondern Demonstration eines sinnvoll bewahrenden Umgangs mit einem stigmatisierten Städtebau.

Kreiert werden könnte ein Ort, der schon dadurch eine einzigartige Ausstrahlung hat, der das schon Vorhandene wachküsst und zugleich Lichtenberg als feste Adresse im Stadttourismus etabliert.
Die Rahmenbedingungen dafür sind gut. Die Keimzelle ist mit den genannten Einrichtungen längst vorhanden. Der Standort ist gut erschlossen und innenstadtnah (direkte U-Bahnanbindung zum Alex und bald bis zu Museumsinsel und Hauptbahnhof).

Das Ganze befindet sich schließlich im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit – was in diesem Falle positiv ist, zumal in Berlin ja der Widerstand gegenüber öffentlichen Planungen notorisch ist (siehe Tempelhofer Feld). Und zu guter Letzt gäbe es keinen Zeitdruck für die Entwicklung. Das Blockareal ist authentisch, alltagserprobt, in seiner Genese wahrhaft nutzungsgemischt – im Gegensatz zu den üblichen monofunktionalen Standort-Entwicklungen.

Ein Leitbild muss her

Stellt sich natürlich die Frage, wie es weitergeht. Ein fixes Verfahren gibt es nicht bzw. erscheint vorerst nicht angemessen. Eher eine abwägende Schrittfolge. Zunächst braucht es die Ausformulierung des gesellschaftlichen Rahmens, also eine Art Leitbild für das Areal. Das wäre ein politischer Akt, der sich in einem knappen Papier ausdrückt. Der nächste Schritt sollte dann ein offener Ideen- oder Konzeptwettbewerb sein, der – unter aktiver Einbeziehung der Bevölkerung – beispielhaft die Leitvorstellung konkretisiert, die abstrakte Vision mit Leben füllt und vielleicht auch erste lebendige Bilder liefert. Beides wäre ohne viel Geld leistbar.

Erst danach sollten dann verbindlichere Planungen für einzelne Teile folgen, wobei man keine vorschnellen Entscheidungen für das gesamte Areal treffen sollte. Eine solche Entwicklung benötigt Zeit, und in deren Verlauf stellen sich neue Einsichten ein, andere Bedürfnisse werden erkennbar, Akteure ändern sich usw. Keinesfalls darf man ein Milliardengrab an öffentlichen Investitionen daraus machen. Eher geht es um einen show-case, wie mit punktuellen Interventionen und zivilgesellschaftlichen Engagement ein lebendiges und kreatives Quartier peu-á-peu entsteht.

Diesbezüglich wurde vor einiger Zeit der Slogan „Campus für Demokratie“ ins Spiel gebracht. Will man jedoch ein Reallabor, das einen Aufbruch signalisiert und haptisch macht, könnte man die Messlatte auch höher hängen: „City of civil movement“. Das darf beileibe keine Marketing-Chimäre werden, aber durchaus ein international verständliches Leuchtzeichen.


Robert Kaltenbrunner ist Architekt, Stadtplaner und Publizist (u.a. Co-Autor des Buches „Die Zukunft der Stadt“, Aufbau Verlag). Der Text beruht auf einem Diskussionsbeitrag, den er am 8.11. bei einem Podiumsgespräch mit Kultursenator Klaus Lederer und Stadtentwicklungssenatorin Karin Lompscher erstmals geäußert hat.