Berlin„Oft erzähle ich ins Unsichtbare hinein“, sagt Michael Bienert und weist auf die im Wind rauschenden Birken. Wir stehen in einer Charlottenburger Hinterhoflandschaft, über flachen Garagen strecken die Bäume ihre Äste in eine luftige Leere, in der sich bis zum 16. Februar 1944 das Gründerzeithaus Roscherstraße 16 befand. „An diesem Abend hatte Erich Kästner am Anhalter und dann am Görlitzer Bahnhof nach seiner Mutter gesucht, die ihm – wegen Paketsperre – das Wäschepaket aus Dresden persönlich vorbeibrachte.“ Mutter und Sohn fanden sich – aber für die Wäsche gab es keinen Schrank mehr. Das bombardierte Haus, in dem Kästner 14 Jahre gelebt hatte, brannte vor beider Augen nieder: „Dreitausend Bücher, acht Anzüge, einige Manuskripte, sämtliche Möbel, zwei Schreibmaschinen, Erinnerungen in jeder Größe …“ verzeichnete Kästner lapidar seine Verluste.

„Man muss immer wieder auch als eine Art Literaturdetektiv unterwegs sein“, beschreibt Bienert, literarischer Stadtführer und Berlin-Experte, seine Arbeit, während wir ein paar Schritte weiter bis zur heutigen Schaubühne gehen. Zwischen dem damaligen Universum-Kino, dem gegenüberliegenden Kabarett der Komiker und dem Café Leon lässt Bienert erzählend Kästners damaligen Dunstkreis, sein „Wohnzimmer im Freien“ erstehen. Zuhörend stelle ich mir den jungen erfolgreichen Schriftsteller in diesen frühen 1930er-Jahren auf dem Caféstuhl vor, wie er schrieb, sich sonnte, eine Speisung für Notleidende der Weltwirtschaftskrise plante.

Wir laufen den Kudamm weiter stadteinwärts, noch tiefer hinein ins „Industriegebiet der Intelligenz“ wie Erich Mühsam die Gegend um das damalige Romanische Café  herum genannt hatte. Besonders durch dieses Berlin – zwischen Kaiserzeit und 1950er-Jahren – und entlang der Spuren jener Dichter, die es bewohnten und literarisch nutzten, führt Michael Bienert seit fast dreißig Jahren bei fast jedem Wetter seine Gruppen.

Stadtspaziergang auch bei miesem Wetter

Aber das ist nicht alles. Mit Blick auf die Silhouette der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zieht er nun ein Buch – fast quadratisch, etwas kleiner als ein Fotoband  – aus dem Rucksack, auf dessen Cover junge Frauen mit Bubikopf in der Garderobe der Berliner Scala 1927 ihre seidenbestrumpften Beine dehnen. Bienert strahlt: „Ganz frisch, erst vor ein paar Tagen aus der Druckerei gekommen.“ Seit „Kästners Berlin“ (2014) hat Bienert, zusammen mit dem Verleger André Förster, seinen Berlin-Begehungen auch ein Buchformat geschaffen, das der Gleichzeitigkeit von Erzählen und Schauen maximal nahe kommt. Dichte Textkapitel, reich ausgestattet mit historischem und aktuellem Bildmaterial, ermöglichen den stillen Stadtspaziergang – auch bei ganz miesem Wetter und zu Corona-Zeiten. Eine „Marke“ war geboren – der Anfang einer Reihe, die nie als solche geplant war.

Nun also: „Das kunstseidene Berlin: Irmgard Keuns literarische Schauplätze“. Nachdem in den letzten fünf Jahren im selben Format Bände zu E. T. A. Hoffmann, Alfred Döblin und Bertolt Brecht folgten, „war es nun höchste Zeit geworden für eine Schriftstellerin“. Warum Keun? „Vor zwei Jahren las ich ihren Roman ‚Nach Mitternacht‘ und war hingerissen“, erzählt Bienert. „Ein Porträt des frühen Nazi-Deutschland als Abgrund an Intrige und Verlogenheit … mit einer Autorin, die so ein Buch raushaut, würde die Recherche ganz sicher nicht langweilig werden.“

Irmgard Keun! Die Kluge und Witzige, die mit scharfsinnigem Spott gesellschaftliche Doppelmoral in knappen Worten erfasste, und zu der Alfred Döblin einmal gesagt haben soll: „Wenn Sie nur halb so gut schreiben, wie Sie sprechen, erzählen, beobachten, dann werden Sie die beste Schriftstellerin, die Deutschland je gehabt hat.“ Offensichtlich tat sie das. Im Oktober 1931 erschien mit Keuns erstem Roman „Gilgi, eine von uns“ die Geschichte einer jungen Stenotypistin, die „ihr kleines Leben fest in der Hand hält“ und ihren Weg in die persönliche Unabhängigkeit zu machen hofft – bis sie sich in einen Bohemien mit einem ordentlichen Berg Schulden verliebt. „Gilgi“ katapultierte die unbekannte 26-jährige Keun direkt nach oben auf die literarische Erfolgsspur. „Die ‚Gilgi‘ fängt an, GROSS zu gehen“, annoncierte ihr Verlag 1932 im Börsenblatt, sie wurde verfilmt, in Tageszeitungen als Fortsetzungsroman gedruckt.

Der Autor und sein Buch


Michael Bienert,
1964 geboren, lebt als freier Autor in Berlin und leitet seit fast dreißig Jahren literarische Stadtspaziergänge. Er hat zahlreiche Bücher zur Berliner und Potsdamer Literatur- und Kulturgeschichte veröffentlicht.

Das kunstseidene Berlin. Irmgard Keuns literarische Schauplätze. Verlag Berlin Brandenburg 2020, 200 S., 25 Euro.

Nächste Führungen zum „kunstseidenen Berlin“ sind geplant am 5.12. und 12.12., jeweils 14 Uhr, alles Weitere auf www.text-der-stadt.de

Ganz oben also. Bienert zeigt auf die versehrte Gedächtniskirche, „Dreh- und Angelpunkt“ des Keun-Universums: „In der Kirche wurde sie 1905 getauft, in den Straßen drum herum hat sie als Kind gewohnt, ist zur Schule gegangen.“ Im weißen Spitzenkleid, mit wachen Augen, so schaut einen die kleine Irmgard von einer Buchseite aus an: ein Kind der Kaiserzeit, sozial und seelisch gut gebettet, als Erstgeborene von Elsa Charlotte Keun und dem pharmazeutischen Unternehmer Eduard Keun, die in der Meinekestraße 6 ein stattliches Gründerzeithaus bewohnten. Die Keuns blieben im Kiez, bis die Familie 1913 nach Köln zog. „Es ist fast ein Wunder, aber fast alle ihre Berliner Kindheitsorte sind noch da.“

Fast! Wir laufen zurück zum Kudamm, wieder mit Blick auf die Gedächtniskirche. „Ich arbeite weiß Gott gern und liebe meine Arbeit mehr als alles auf der Welt“, schrieb Keun 1933, nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren. „Aber jetzt und hier arbeiten? Ich komme mir vor, als wenn ich mit meiner Schreibmaschine oben auf dem Turm der Gedächtniskirche säße und dankbar sein muss für jedes Wetter, das keinen Wind macht, der mich runterweht.“

Michael Bienert: Wie gehe ich als Frau über den Tauentzien?

Einen so ausgesetzten Standort hatte sich auch eine Irmgard Keun nicht vorgestellt, als sie mit „Gilgi“ unter dem Arm 1931 nach Berlin zurückkehrte. Wir schauen den Tauentzien hinunter, damals eine lichterfunkelnde, glamouröse Meile, und Bienert beschreibt, wie ihn die Suche nach Irmgard Keuns Berlin in neue Perspektiven und Fragestellungen versetzte. „Ich fragte mich: Wie gehe ich als Frau über den Tauentzien?“ Und Irmgard Keun antwortete: Immer auf der Suche danach, „ein Glanz zu werden“.  1932 erschien „Das kunstseidene Mädchen“, in dem die junge Stenotypistin Doris alles dafür tut, um, der armen Herkunft zum Trotz, so zu „glänzen“ wie die Frauen, die sie auf dem Tauentzien beobachtet.  „Sie haben sehr egale Gesichter und viel Maulwurfpelze – also nicht ganz erste Klasse – aber doch schick – so mit Beinen und viel Hauch um sich.“ Dass der Preis dafür, egal, wie sie es biegt, immer die Abhängigkeit von einem Mann sein würde, weiß Doris nach ihrer illusionslos und mit scharfem Witz erzählten, schrecklich-schönen Odyssee durch Berlin glasklar. So viel Klarheit aber ist nichts für die neuen Herren: Schon Anfang 1933 steht Irmgard Keuns Name auf der ersten schwarzen Liste der Nationalsozialisten.

Wir sind fast am Ende des Weges angekommen. Wie aber hatte er für Michael Bienert selbst überhaupt mal begonnen, sein Berliner Weg mit Dichterinnen und Dichtern? „Eigentlich fing es vor 30 Jahren mit der ‚Eingebildeten Metropole‘ an“, erinnert sich Bienert. Seine Magisterarbeit zum literarischen Feuilleton der Weimarer Republik war 1992 als Buch erschienen. Autoren wie Kracauer, Roth und Kisch hatten ihn gleichsam hineingetragen ins „Industriegebiet der Intelligenz“: „Mich faszinierte dies Berliner Feuilleton, das damals ein fest verankertes Genre war, aber dennoch zwischen den Genres lag. Dem Essay nahestehend, wurde es von einem Autor wie Kracauer etwa ins Philosophische erweitert.“ Bei einer solchen Literatur „zwischen den Stühlen“ habe er sich wohlgefühlt – und von dort aus „in Richtung des Lebensweltlichen, des Alltäglichen“ gesucht.

Das ist es ja, was bis heute Bienerts Bücher ebenso wie die Spaziergänge ermöglichen: Man kann mit der hochkomplexen Literatur eines Alfred Döblin oder einer Irmgard Keun „auf die Straße gehen“ und die Stadt in ihrer Vielschichtigkeit lesen lernen. „Literatur als Schule der Wahrnehmung“, wie Bienert auch sagt. „Menschen wollen nicht nur in einer Stadt leben, die funktioniert, sondern wo die Dinge auch Bedeutung haben.“

Auf dem Weg zur U-Bahn werfe ich einen letzten Blick zur Gedächtniskirche: Und fast kommt es mir vor, als könnte ich jetzt die Kirchturmspitze sehen.