Leben und Tod: Leitmotiv mit Lichtenberg-Text: „Wenn ich nur einmal einen echten Entschluss fassen könnte, gesund zu werden!! Valere aude!“ ,1993
Bild: H.Janssen/Samml. Böttger/ Nationalgalerie /VG Bildkunst 2019

Berlin-MitteSie hängen auf tiefem, samtig warmem Weinrot, die Blätter des Zeichners Horst Janssen (1929–1995). Die Wandfarbe in der Ausstellungshalle der Surrealisten-Sammlung Scharf-Gerstenberg, ein Haus der Nationalgalerie, sagt alles über die Liebe des berühmt-berüchtigten Hamburgers: Zum Rotwein und zur Kunst des Zeichnens. Er wäre gerade 90 geworden. Aber richtig alt zu werden, war ihm nicht vergönnt. Janssens bacchantische Lebensweise war zu extrem.   Aber dafür hatte er im Rebensaft seine Wahrheit gefunden.

Nun stehen wir vor seinem von Kyllikki Zacharias kuratierten Nachlass, der in dieser Fülle noch nie in einem Berliner Museum versammelt war: 120 Zeichnungen, Radierungen, Collagen – Janssens Lebenskleckse und Todeszeichen –, meisterhafte, von aller Bedeutungsschwere befreite, ganz aus dem Zufall entstandene, dabei hochsinnliche Krakel-Motive.

Zufall bestimmt Janssens Werk

Aus Linienbündeln und Farbschlieren werden Chaos-Geburten: surreale, geradezu bizarre Landschaften, vor allem Bäume. Aus verheißungsvollen, etwas Unvorhersehbares ausbrütenden Flecken wachsen Schatten, abstruse Tiere, Chimären wie aus einem Albtraum. Oder wie aus surrealen Märchenwelten tauchen nackte, verführerische, sehr dominante Frauenkörper auf.

Aus einem Fettfleck entsteht das geschminkte Gesicht einer kapriziösen Dame, aus einem Loch wird eine verglühende Sonne, ein untergehender Stern. Janssens Kosmos explodiert und implodiert auf dem Papier. Und immer wieder zeichnet, tuscht, aquarelliert er Porträts, viele ironische Selbstporträts mit den zerstörerischen Saufspuren zwischen Kinn und Stirn.

Immer zeichnet er Vergangenes

Liebend gern zeichnete Janssen morbide welkende Blumenstillleben. Und Friedhofskreuze. Und er kopierte auf seine eigensinnige Weise den Japanischen Holzschneider Hokusai und viele Alte abendländische Meister. Immer Vergangenes. Nie sind es optimistische Zukunftsvisionen.

Es sind manische, absurde, faszinierende und rätselhafte Erzählungen auf all diesen Blättern niedergeschrieben: Geschichten vom Leben überm Abgrund aus vollen Zügen, vom Werden und vom Vergehen. Aus jeder seilartigen oder kalligraphischen Farbspur, jeder zeichnerischen Chiffre, oft auf selbstgeschöpftem Papier, ist das Unweigerliche zu lesen: Alles hat seine Zeit.

Am Ende wartet Gevatter Tod, vom dem einst der Großvater   Horst Janssens erzählt hatte. Dann   aber beginnt auf solch einem düsteren Blatt wieder etwas Neues, schwimmen Spermien oder Kaulquappen in einer Blase, fliegen   bunte Vögel über Wolken.

Pulsschlag des Lebens pocht aus seinen Bildern

So erweist sich Janssens überbordend fantastische Melancholie als zärtlich und rabaukig (er war nach Kneipenbesuchen öfter in Schlägereien verwickelt), sehnsüchtig und pöbelnd. Aber aus jedem Strich, jedem Punkt pocht der Pulsschlag des Lebens. Und dieses Leben zeichnete den scharfen, zukunfts-skeptischen Beobachter von Menschen und Dingen. Horst Janssens „kostümierte Flecke“, wie er selbst zu seinen Bildern sagte, wurde als Außenseiterkunst gesehen, als eigentümlich, ja gar „verschroben“.

Und in der Tat bezog er sich auch lieber auf den französischen Art-Brut-Maler Jean Dubuffet und den deutschen Surrealisten Richard Oelze als auf die gefeierten Nachkriegsabstrakten um Willi Baumeister und Emil Schumacher.

Seit den 60er-, 70er-Jahren brachten ihm seine Bilder und sein Lebensstil euphorische Zuwendung ein und zugleich abgrundtiefe Ablehnung bei den Dogmatikern der Abstraktion. Diese hatten im Blick auf die Kunst der NS-Zeit das Realistische mit einem Verdikt belegt. Die „Informellen“ und ihre Anhängerschaft bezichtigten Janssen gar des „Reaktionären“, denn er sah sich außerstande, vom Figürlichen und Gegenständlichen, von der Anschauung, und sei sie noch so verinnerlicht, zu lassen.

"Baumanschauung statt Weltanschauung"

Seine spaßig-provokante Devise „Baumanschauung statt Weltanschauung“ zog ihn lieber in die Natur und die Niederungen des Alltags, also auch in die Kneipen, anstatt in die Gefilde „höherer Ideen“. Um 1980 aber änderten sich die öffentliche Wahrnehmung und die Neigungen des liberalisierten und globalen Kunstbetriebs.

Das Phänomen des Zufalls war inmitten aller gestrengen Kunst des Konstruktiven, der Concept- und Minimal-Art wieder ein großes Thema, wie schon zu Zeiten des Surrealismus und dessen über-wirklicher Traumgebilde. Janssens gezeichnete, gefleckte, getröpfelte Lust- und Rotweinträume wurden nun sogar Gegenstand des bundesdeutschen Schul-Kunstunterrichts, wo dem Spontanen Raum gegeben wurde.

Man lud ihn ein auf die Biennale Venedig, er bekam große Ausstellungen und viele Sammler. Das wildwüste Anekdotische um Horst Janssen wurde gesellschaftsfähig. Und die Handschrift dieses Zeichners, der sein Vokabular aus einem unergründlichen Labor zu schöpfen schien, ist bis heute unverwechselbar. Eben „typisch Janssen“.

Lebenskleckse – Todeszeichen Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstr. 70.   Bis 3. Mai 2020, Di–Fr, 10–18 /Sa u. So 11–18 Uhr