Nicolette Krebitz kommt etwas zu spät an in den Räumen der Filmproduktionsfirma an der Berliner Kantstraße, es hat lange gedauert von Mitte, wo sie wohnt, nach Charlottenburg. Dabei hat sie die Sache schon beschleunigt: Als das Taxi im Stau steckte, ist sie kurzentschlossen in ein Carsharing-Auto umgestiegen. In West-Berlin macht ihr keiner was vor, hier kommt sie her, hier kennt sie jede Straße. Lange offene Haare, Brille, weiße Turnschuhe: Nicolette Krebitz wirkt unangestrengt und sehr bei sich. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie dem Start ihres neuen Films „Wild“ in ein paar Tagen ganz entspannt entgegensehen kann: Bei einem Filmfest in den USA hat er schon mal ordentlich Vorschusslorbeeren bekommen.

Frau Krebitz, mit Ihrem dritten Film ist Ihnen gelungen, was bis jetzt nicht vielen deutschen Regisseuren passiert ist: Er wurde im Januar zum renommierten Sundance Festival in den USA eingeladen und von der Fachpresse gut bis begeistert besprochen.

Es war verrückt, mit dieser Resonanz hatten wir nicht gerechnet. Dass es so viele Besprechungen gab, und dann auch noch so gute, war ein Geschenk. Der Plan war, mit dem Film ins Ausland zu gehen, ihn da zuerst zu zeigen und nicht in Deutschland. Damit über den Film geschrieben wird und nicht über mich.

Sie meinen, weil Sie in Deutschland noch vor allem als Schauspielerin bekannt sind?

Ja. In den USA hat man mich als Regisseurin gesehen und so wurde der Film auch rezensiert. Die ersten Dinge, die geschrieben werden, geben oft den Ton vor, das ist einfach so. Auf keinen Fall wollte ich eine Überschrift lesen wie „Nicolette Krebitz und ihr Rotkäppchen“.

Rotkäppchen, weil es in Ihrem Film um eine junge Frau und einen Wolf geht. Wie kamen Sie auf die Geschichte?

Es fing mit einem Traum an, der wiederkehrte. Etwas ist hinter mir gelaufen, ich habe es atmen gehört, ein Hecheln eigentlich. Ich nahm mir vor, mich umzudrehen, wenn ich das wieder träumen würde. Das tat ich – und da stand ein Wolf, wir haben uns angeguckt. Dann bin aufgewacht, um halb fünf Uhr morgens. Der Traum ist den ganzen Tag bei mir geblieben, so intensiv, dass ich dachte, ich muss das mal aufschreiben.

Es gibt wieder Wölfe in Deutschland, es werden Jahr für Jahr mehr. Haben die sich vielleicht in Ihren Traum geschlichen?

Das kann schon sein. Das ist ja jetzt schon ein paar Jahre her, und ich erinnere mich an Berichte aus der Zeit über Wolfsrudel, die in Sachsen auf ehemaligen Truppenübungsplätzen gesehen wurden. Das hat mich interessiert, diese Flächen als Überbleibsel der Zivilisation zu sehen. Dass dort dieses wilde Tier heimisch wird, fand ich spannend. Dass die Begegnung zwischen Frau und Wolf der Ausgangspunkt für meinen neuen Film sein würde, wusste ich eigentlich sofort, aber was mich daran interessiert, musste ich erst mal herausfinden. Ich habe zu recherchieren begonnen, bin in die Lausitz gefahren und habe mit den Wissenschaftlerinnen gesprochen, die dort die Rückkehr der Wölfe dokumentieren. Ich wollte etwas lernen über Wölfe, wissen, wie nah die einem kommen, und was passieren würde, wenn man einen fängt. Man tastet so rum, wenn man eine Ahnung von einer Geschichte hat, und ich lasse das auch gern zu und komme nicht gleich mit einem fertigen Plot.

Der Plot ist jetzt, dass sich in einem Stadtpark in Halle plötzlich eine junge Frau und ein Wolf gegenüberstehen. Mit der Begegnung beginnt  Anias, so heißt die Frau, Abschied aus ihrem bisherigen Leben. Der Wolf lässt sie nicht mehr los, sie lockt ihn mit Fleisch, fängt ihn schließlich und schleppt ihn in ihre Plattenbau-Wohnung. Je näher sie dem wilden Tier ist, desto mehr löst sie sich von ihrem bisherigen Alltag, in dem sie funktioniert, der sie aber nicht erfüllt. Eine fast klassische Beziehungsgeschichte also: Man lernt jemanden kennen, der einem das Gefühl gibt, sein Leben verändern zu müssen. Nur, dass dieser jemand bei Ihnen ein Wolf ist.

Ja, der männliche Hauptdarsteller ist ein Wolf. Weil ich erzählen wollte, was diese Frau umtreibt und nicht, was sie den Erwartungen oder Bildern irgendeines Mannes entgegenzusetzen hat. Dieser brodelnden Gefangenschaft, in der Ania sich vor der Begegnung befindet, merkt man an, dass sie sich widersetzt, bei der Arbeit, in der Beziehung zu ihrer Schwester; dass es hier reingeht und da raus. Sie ist kein Opfer, obwohl sie so gefangen zu sein scheint von der Situation. Es ist eine Frage der Zeit, bis das aufbricht. Ich glaube, dass wir alle auf eine Weise Soldaten in unserer eigenen Welt sind und dass wir sehr viel mehr davon reden, frei zu sein, als dass wir es wirklich sind.

Wenn man nur die Geschichte von „Wild“ hört, kann man skeptisch werden: Die junge Frau und der Wolf, das klingt  nach Zurück-zur-Natur-Romantik. Aber das ist Ihr Film nicht, er behält Distanz zu Ania und ihrem Projekt. Schon dadurch, dass sich die Wohnung nach und nach auf eindrucksvolle Weise in eine Art übelriechenden Stall verwandelt.

Wenn man einen Wolf in eine Wohnung sperren würde, würde er sich durch die Wände beißen, kein Möbelstück ganz lassen. Er würde nie aufhören, zu versuchen, herauszukommen, um frei zu sein. Und wenn ich das sage, entsteht in mir sofort eine Verbrüderung mit diesem wilden „Ich“. Das ist kein Vorschlag, zurück zur Natur zu gehen, die gibt es sowieso nicht, beziehungsweise hat die Natur immer schon mit uns zu tun. Aber wie viel von diesem instinktgesteuerten und triebhaften „Ich“, das sich da sofort mit dem Wolf solidarisiert und anscheinend untrennbar von uns ist, findet Platz in unserem Leben? Dieser Frage bin ich nachgegangen.

Sie haben mit dem Wolf unter anderem in einer Wohnung und auf einem Hochhausdach gedreht und Lilith Stangenberg, Ihre Hauptdarstellerin, kommt ihm sehr nah, es gibt geradezu intime Szenen. Wie ging das praktisch? Wie dreht man mit einem Wolf?

Mit sehr viel Leberwurst, einer mutigen Hauptdarstellerin und am besten gut vorbereitet. Ich bin mit meiner Produzentin als eigentlich erste Aktion zu dem Tiertrainer nach Ungarn gefahren, mit dem wir zusammenarbeiten wollten. Wir haben uns seine Wölfe angeschaut und da habe ich auch Nelson zum ersten Mal gesehen, unseren Hauptwolf. Dann sind wir Szene für Szenen durchgegangen und hatten Fragen wie: Hier soll die Kamera sein, hier der Wolf, geht das? Und er sagte dann: Wenn ich nicht da oder da stehen kann, geht diese Einstellung nicht. Der Wolf will ja nicht unter Menschen sein, auch wenn er von Hand aufgezogen wurde. Nur zu seinem Trainer hat er eine Verbindung, auf den achtet er. Und von dem will er bald gesagt bekommen, dass er wieder weg darf. Wir haben also jedes Detail besprochen, alles zeichnen lassen, die Zeiten kalkuliert und so wurde langsam ein ganz normaler Film draus. Auch wenn ihn zu drehen, jede Sekunde ein Abenteuer blieb, das wir ohne Lilith sicher nicht bestanden hätten. Sie war völlig furchtlos. Ich glaube, sie hat ihre Figur so verinnerlicht, dass sie im Wolf wirklich ihren Liebsten gesehen und die ganze Gefahr aus den Augen verloren hat. Das war natürlich gut, weil sie das auch dem Tier gegenüber ausgestrahlt hat. Klar war es nicht ungefährlich, der Wolf hätte mal zuschnappen können, auch wenn er das vorher durch seine Körpersprache ankündigt. Und die kennt der Trainer.

Die drei Filme, bei denen Sie in den letzten 15 Jahren Regie geführt haben, wirken fast wie eine Trilogie: „Jeans“ war die Bestandsaufnahme eines jungen Lebensgefühls, „Das Herz ist ein dunkler Wald“ die Ernüchterung über das enger gewordene Leben als Mutter und Ehefrau und „Wild“ zeigt die Befreiung aus einem Dasein, das sich falsch und unecht anfühlt.

Mich interessiert eigentlich immer dasselbe, der Mensch in der Welt, in der wir leben, die Rollenverteilungen der Geschlechter in unserer Gesellschaft, die Probleme damit, und der Wunsch, trotzdem Liebe zu finden. In „Wild“ habe ich alles auf die Spitze getrieben. Oder, wie man beim Geschichtenerzählen sagt, „dramatisiert“. Vom Ausgangspunkt meiner Hauptfigur bis zur letzten Konsequenz, die diese wilde Begegnung in ihr entzündet. Den ganzen Weg.

„Wild“ ist optimistischer als Ihr vorletzter Film, „Das Herz ist ein dunkler Wald“. Ohne am Ende zu wissen, wie Anias Leben weitergehen wird, ist man sicher: Sie ist ein freierer, selbstbestimmter Mensch geworden.

Als ich „Das Herz ist ein dunkler Wald“ irgendwann noch mal gesehen habe, dachte ich: Hmm. Ich kann zwar nachvollziehen, warum ich das so erzählt habe, aber übrig bleibt ein Gefühl der Schwere, das gar nicht so meine Absicht war.

Dafür haben Sie aber doch selbst gesorgt. Immerhin erschießt die Hauptfigur, nachdem sie das Doppelleben ihres Mannes entdeckt hat, sich und ihre zwei Kinder.

Es ist manchmal komisch, was ein Film für eigene Schwingungen entwickelt. Das passiert, glaube ich, nicht wenigen Filmemachern: Sie denken, sie würden eine Komödie machen, aber hinterher sind alle deprimiert. Bei „Wild“ habe ich die Absicht, ein anstiftendes Gefühl zu kreieren, zu jedem Zeitpunkt überprüft. Man soll aufgeladen aus dem Kino kommen, sich an dem Film aufrichten. Ich sehe selbst auch lieber Filme, die mir Kraft geben. Mich haben in den letzten Jahren Filme oft genervt, auch wenn ich sie toll gemacht fand und intelligent. Weil sie einen am Ende entwaffnet und müde zurückgelassen haben.