Berlin ist eine geschichtsträchtige Stadt und so müssen die Bewohner auch mit vielen geschichtsträchtigen Orten leben. Mauer, Todesstreifen, Stolpersteine, Topographie des Terrors, Holocaust-Mahnmal, irgendein Ort erinnert in jedem Kiez an die Vergangenheit der Stadt. In Moabit könnte man das Wehklagen von Häftlingen im Geschichtspark Zellengefängnis Moabit noch hören, denn auf dem Gelände einer ehemaligen Haftanstalt erinnert seit 2006 eine besondere Parkanlage an die Geschichte des Ortes.

Das Zellengefängnis Moabit war das Mustergefängnis in Preußen

Der Park ist von fünf Meter hohen Gefängnismauern umgeben. Beklemmend. Durch einen der drei Eingänge (über Lehrter Straße, Invalidenstraße und Minna-Cauer-Straße) muss man sich erst einmal trauen hindurchzugehen. Sie erinnern an Gefängnistore, Pforten in die Isolation.

„Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt, ist unter Mauerwerk und Eisengittern ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern …“ Der Dichter Albrecht Haushofer (1903–1945) schrieb die „Moabiter Sonette“ während seiner Haft im Zellengefängnis. Noch am 23. April 1945, kurz vor der Befreiung Berlins, wurde er gemeinsam mit dem Widerstandskämpfer Klaus Bonhoeffer hinterrücks erschossen. Die Zeile aus dem Sonett „In Fesseln“ zieht sich wie ein mahnendes Laufband über die lange Gefängnismauer, die den Park vom Lärm des nahen Hauptbahnhofs abschirmt.

Als das Mustergefängnis Preußens wurde die Haftanstalt zwischen 1842 und 1849 von dem Schinkel-Schüler Carl Ferdinand Busse errichtet. Kriminalität galt als ansteckende Krankheit und somit sollte mit dem neuen Gefängnisbau die Isolation der Häftlinge erreicht werden. Das moderne Gefängnis bestand daher nicht mehr aus den bisher üblichen.

Das Zellengefängnis Moabit erhält die Erinnerung durch gärtnerische Elemente

Gemeinschaftszellen, sondern aus rund 520 Einzelzellen. Auch bei den Freigängen im Gefängnishof gab es keine Möglichkeiten für ein Gespräch. Drei runde Spazierhöfe waren jeweils in 20 Ein-Mann-Pferche unterteilt. Hohe Trennmauern verhinderten den Austausch. Selbst in den Freistunden waren die Insassen streng abgeschirmt.

Diese Enge ist noch heute spürbar, gärtnerisch sind die drei Gefängnishöfe erlebbar. Auf einem Hof verdeutlichen Hainbuchen-Hecken Lage und Größe einzelner Zellen. Das Konzept, die Vergangenheit des Ortes durch gärtnerische Elemente wachzuhalten, ist durchweg gelungen. Eine Haftzelle ist durch Betonwände nachgebildet und kann betreten werden. Dort ertönen die Zeilen aus dem Moabiter Sonett „Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt, ist unter Mauerwerk und Eisengittern ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern …“

Der Geschichtspark verbindet Erholung und Erinnerung

Und  dieses Zittern spürt der Besucher noch heute. Nichts haben die Architekten bei der Planung des Parks dem Zufall überlassen. Wacholderbäume stellen die Häftlinge in ihren Höfen dar. Blutbuchenhecken deuten einen weiteren Gefängnisflügel an. Abdrücke von Schlüsseln erinnern auf Sitzmauern an die Ausweglosigkeit, an das Weggesperrtsein.

Großzügige Rasenflächen, Spielplätze und Bänke unter schattenspendenden Bäumen laden zum Verweilen ein. Der Park mit dem sperrigen Namen Geschichtspark Zellengefängnis Moabit lässt Besuchern die Möglichkeit, Erholung und Erinnerung zu verbinden. Die Seufzerbrücke in Venedig wurde nach dem Wehklagen benannt, das fortwährend aus den dunklen Fenstern des angrenzenden Stadtgefängnisses zu hören waren. Vielleicht finden die Berliner auch noch einen eigenen Namen für den Park.