Zu Besuch in Berlin: der Baruch Brothers Choir aus Belgrad.
Foto: Louis Lewandowski Festival 2019

BerlinMusik hat die Kraft, sogar Berliner aus ihren angestammten Kiezen zu locken, obwohl sie dort so gerne sind, weil die Kneipe oder der Italiener doch in der Nähe und bequem zu erreichen sind. Das Louis-Lewandowski-Festival gehört zu den Musik-Veranstaltungen, die durchaus eine Reise durch Berlin wert sind. Es findet an diesem Wochenende an Orten statt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Kapellen sind dabei, Synagogen und alte Industriebauten.

Louis Lewandowski war ein deutsch-jüdischer Komponist, der 1821 in Posen geboren wurde, mit nur zwölf Jahren nach Berlin kam und hier 1894 starb. Lewandowski gilt als Reformer, der den traditionellen jüdischen Gebetsgottesdienst modernisierte.

Jüdische Liturgie und synagogale Chormusik

Das internationale Musikfestival, das seinen Namen trägt, findet seit 2011 in Berlin statt und widmet sich jüdischer Liturgie und synagogaler Chormusik. Chöre aus der ganzen Welt sind daher an diesem Wochenende in Berlin zu Besuch und zeigen, was sie können. Dieses Jahr ist das Festival der Synagogalmusik Komponisten aus dem süddeutschen Raum gewidmet.

Höhepunkt ist das Abschlusskonzert am Sonntagabend in der Synagoge in der Rykestraße. Hier treten ab halb sieben alle eingeladenen Ensembles auf. Mit dabei ist zum Beispiel der Moran-Chor aus Israel. Vierzig junge Sänger zwischen 14 und 18 Jahren singen in dem mehrfach ausgezeichneten Ensemble. Dirigentin und musikalische Direktorin des Chors ist Naomi Faran.

Mit dabei: ältester jüdischer Chor der Welt

Ebenfalls dabei ist der Baruch Brothers Choir aus Belgrad, im Jahr 1879 als Serbisch-Jüdische Gesangsvereinigung mit dem Ziel gegründet, Erbe und Tradition des jüdischen Volkes zu pflegen. 1952 änderte der Chor seinen Namen, um der Brüder Baruch zu gedenken, allesamt Mitglieder der Widerstandsbewegung, die während der Pogrome in der Nazizeit ermordet wurden. Der Baruch Brothers Choir ist der älteste jüdische Chor der Welt.

Blick in die Synagoge in der Rykestraße.
Foto: Imago Images/Schöning

Die Synagoge in der Rykestraße wiederum, in der das Abschlusskonzert stattfindet, ist mit 2.000 Plätzen die größte Synagoge Deutschlands. Weil die jüdische Gemeinde im Nordosten Berlins Ende des 19. Jahrhunderts immer größer wurde, reichte der Platz in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße nicht mehr aus. Diese war bereits 1866 eingeweiht worden. Die Synagoge in der Rykestraße wurde dann 1903/04 nach Entwürfen des Architekten Johann Hoeniger im neoromanischen Stil errichtet.

Konzerte mit Industrieflair in Schöneweide

Im Kunst- und Kulturzentrum Reinbeckhallen, einer alten Industrieanlage in Oberschöneweide, findet am Sonnabend ein weiteres Konzert im Rahmen des Musikfestivals statt. Drei Chöre aus den USA und aus Israel treten auf. Mit dabei ist der Zamir Chorale of Boston, eine Institution innerhalb der jüdischen Chormusik. Die Reinbeckhallen sind längst ein attraktives Kunstquartier. Der Sänger Bryan Adams hat als einer der ersten Künstler zur Auferstehung des Fabrikquartiers beigetragen und Künstlerstudios gestaltet.

Die Reinbeckhallen bei Nacht.
Foto: Reinbeckhallen/Marko Priske

Mittlerweile sind weitere bekannte Namen nach Oberschöneweide gezogen. Olafur Eliasson beispielsweise hat hier Atelierfläche gekauft.
Wer sich für die Industriekultur von Schöneweide interessiert, kann einen Abstecher in den nahen Industriesalon machen. Im Schaudepot ist alles zu sehen, was von der Historie des Standorts erzählt – ob Maschine, Kabeltrommel oder Brigadetagebuch. Bis zur Wende wurden im Werk für Fernsehelektronik Farbbildröhren hergestellt.


Tipps

  • Louis-Lewandowski-Festival: Großes Abschlusskonzert mit dem gemeinsamen Auftritt aller Ensembles. Synagoge in der Rykestraße, Rykestraße 53, Prenzlauer Berg. So 18.30 Uhr. Karten ab 22 Euro unter louis-lewandowski-festival.de
  • Industriesalon Schöneweide: Forum für Industrie–Technik–Kultur, Reinbeckstraße 9. Mi–So 14–18 Uhr
  • Elektropolis-Tour: Führung durch das historische Industriegebiet – mit Einbeziehung des ehemaligen Werks für Fernsehelektronik. Jeden Sonntag um 12 Uhr, Preis 10 Euro, Treffpunkt: Industriesalon. Spontane Teilnahme möglich. Anmeldung unter: info@industriesalon.de