Der Schriftsteller Samuel Beckett (1906–1989) hat die Berliner Komponistin Rebecca Saunders inspiriert.
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BerlinDie Werke von James Joyce und Samuel Beckett gehören zu den wichtigsten Anregungen der Berliner Komponistin Rebecca Saunders. Wenn zwei Werke von Beckett nun den Weg ins Programm des Musikfests fanden – Kurzfilme, fürs Fernsehen produziert –, dann fügt das dem Musikfestival eine weitere Facette hinzu und zeugt von der Entschiedenheit, mit der Rebecca Saunders’ Musik in diesem Jahr im Schwerpunkt vorgestellt wurde.

Großer Kinosaal des Zoo-Palastes also am Montagabend: Becketts „Not I“ zeigt nichts anderes als einen Mund, der sich in rasend schnellem Sprechen bewegt. Die physiologische Beschaffenheit des Sprechwerkzeugs mag durch die Nahaufnahme noch so deutlich in den Vordergrund treten, die quallenartige Beweglichkeit der Lippen, der Speichel, der über Zähne und Zungen rinnt: Am Ende bleibt der Eindruck von Sprache, die sich zu Musik verselbständigt hat.

Mit Motiven, die wiederkehren, mit Beschleunigung und Verlangsamung der Geschwindigkeit, Anwachsen und Schwinden der Lautstärke. Saunders eigener experimenteller Umgang mit der menschlichen Stimme und Sprache – beim Musikfest war er zu erleben in „Skin“ für Sopran und Ensemble – erscheint wie eine Fortsetzung davon.

In einen grauen Raum der Depression zieht die in Berlin lebende Komponistin ihre Hörer eigentlich nie. Zu vital sind dafür ihre Stücke, mit der hartnäckigen Klangerforschung, die ihnen zugrunde liegt. Becketts Fernsehspiel „Geistertrio“, das in einem solch grauen, kahlen Raum spielt, war für Saunders dennoch Inspiration für ihr Schlagzeugstück „Dust“, ebenfalls aufgeführt beim Musikfest und deutlich farbiger in seiner Anmutung. Die Reduzierung von Sprache und Bewegung auf das Nötigste und der Reichtum an Unbenanntem, der sich daraus ergibt, das findet sich allerdings bei Beckett wie bei Saunders.

Saunders eigener Versuch, ihre Musik mit filmischer Darstellung zusammenzubringen, erscheint hingegen eher unspektakulär. In „Moving Picture“ von Gerhard Richter und Corinna Belz bildet sich aus einem oszillierenden Streifenbild ein Vorhang mit Ornamenten, der aus der Mitte heraus sich stets erneuert und in einem über eine halbe Stunde währenden Crescendo immer größere, zunehmend vegetativ anmutende Formen zeigt.

Saunders’ Musik dazu für Trompete solo bildet hingegen einen nahezu stabilen Hintergrund aus Klängen und Geräuschen, die von der Elektronik mit meditativ wirkendem Nachhall versehen werden. Marco Blaauw spielt dabei mit einem ähnlichen Reichtum an experimentellen Klangfarben wie bei der Aufführung des Solo-Stückes „White“ im Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters am Freitag. Auf die Hell- und Grellheiten dieses Stückes antwortet Vladimir Jurowski mit einer Aufführung der 5. Sinfonie von Beethoven am Rand eines wohl kalkulierten Kontrollverlustes. Stehend, nicht sitzend jagen die Musiker durch ein Werk hindurch, das hier als Blut-Schweiß-und-Tränen-Stück präsentiert wird. Staunen über den radikal vollzogenen Zugriff mischt sich mit Unbehagen, wie es ein Dauerfeuer der Emotionen hinterlässt.