Stereolab-Gitarrist Tim Gane begeistert das Publikum im Kesselhaus der Kulturbrauerei.
Foto:  Berliner Zeitung/Roland Owsnitzki

Berlin-Prenzlauer BergViele ältere, aber auch erfrischend viele jüngere Menschen verließen in der Nacht zum Sonntag das Kesselhaus in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg mit glückseligen Gesichtern, nachdem hier die britisch-französische Band Stereolab um den Gitarristen Tim Gane und die Sängerin Laetitia Sadier den ersten Abend des diesjährigen Synästhesie-Festivals beschlossen hatte. Zuvor hatte die Gruppe das Publikum durch einen repräsentativen Querschnitt der früheren Jahre ihres unvergleichlichen Easy-Listening-Kraut-Spacerock-Indie-Chanson-Klangs mit marxistischen Texten geführt, den man getrost als einen der einflussreichsten Pop-Klänge der Neunzigerjahre bezeichnen kann.

Interessant dabei, dass Stereolabs Auftritt direkt nach dem von Michael Rother erfolgte, der eine stark digitalisierte Version seines stilbildenden Neu!-Klangs darbot, welcher, wie man sich kurz darauf noch mal überzeugen konnte, einer der wichtigsten Ausgangspunkte für die Musik von Stereolab war. Während Rother, dessen Musik in den Siebzigern vor allem zukunftsgerichtet war, keine Berührungsängste mit moderner Technologie hat und seinen Sound davon auch heute stark beeinflussen lässt, waren Stereolab rein klanglich gesprochen immer ein retro-futuristisches Unternehmen.

Lætitia Sadier spielte am Keyboard, Synthesizer und nahm auch mal die Gitarre in die Hand. 
Foto: Berliner Zeitung/Roland Owsnitzki

Trotz der gelegentlichen Verwendung digitalisierter Playbacks blieb ihr Konzert dem warmen Huldigungssound treu, mit dem sie in den Neunzigern vielen jungen Indie-Kids die Ohren für allerlei blubbernde Esoterik-Grooves aus den Sechzigern und Siebzigern öffneten. Das war damals inmitten von Grunge und Britpop besonders erfrischend, zumal Stereolab – egal in welcher ihrer ständig wechselnden Besetzungen – dabei durchaus zu rocken vermochten. Wobei es sich dank der glasklaren und schonungslos amateurhaften Kindermelodie-Polyphonie von Laetitia Sadier und der 2002 bei einem Fahrradunfall ums Leben gekommenen Sängerin Mary Hansen um ein dezidiert unmachistisches Rocken handelte, eine transzendentale Rhythmik, einen gemeinsamen Aufbruch in eine inklusive Utopie. Und dies nicht zuletzt

Das Independent-Duo weiß sich mit Blicken zu verständigen.
Foto: Berliner Zeitung/Roland Owsnitzki

Diesen Geist haben sich Stereolab, die dieses Jahr nach längerer Pause noch einmal zusammengefunden haben, bewahrt: Toll, wie Tim Gane im Kesselhaus immer noch genauso selbstverloren den Kopf am Beat vorbeischüttelte als sei es 1996. Herrlich, wie Sadier den einfachsten Melodien Hypnotik abzugewinnen vermochte. Erstaunlich, wie beschleunigt die monumentale Krautrock-Funk-Jam-Session des Stücks „Metronomic Underground“ Wellen schlug. Unfassbar, wie soundnerdig-souverän und doch dilettantisch-entdeckungsfreudig die Band – hier in fünfköpfiger Besetzung – ihren frühen Klassiker „Lo Boob Oscillator“ von Velvet Underground über Neu! bis in implodierendes Space-Jazz-Gekrache und wieder zurück führte. Und in der Zugabe eine ähnliche Soundreise zurücklegte, nur dazu noch Steve Reich und Electro-Disco-Texturen als Indiepop präsentierte – und dabei immer die Performance- Aura leicht verschüchterter Aushilfslehrer bewahrte.

Reiß alles ein und bau es besser wieder auf! war schon immer die Message von Stereolab – etwa wie Sadier im Stück „Crest“ zu zwei Akkorden und immer höher sich türmenden Krachschichten sang: „If there’s been a way to build it / there’ll be a way to destroy it / things are not all that out of control“ – also los, Kids, lasst uns diese abgefuckte Welt doch noch rumreißen! Was für eine tolle Band.

Stereolab spielen ihren Hit "French Disko" im Kesselhaus der Kulturbrauerei.

Video: YouTube/Maxcel Toriani