Fast vollständig: Yonas (li.) und Hirsch von der  Punkband Montreal. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinKeine zehn Gehminuten vom U-Bahnhof Schönleinstraße entfernt, vorbei an hippen Kaffeehäusern und bunten Cocktailbars, die wahrscheinlich alle paar Jahre die Besitzverhältnisse wechseln, liegt seit mehr als 30 Jahren das „Bierhaus Urban“. Drinnen mit Holztresen und blauem Zigarettendunst, draußen mit alten Biertischen und wackeligen Stühlen. Das kleine Bier kostet weniger als drei Euro. Ein echtes Kreuzberger Original - und besonders für Einheimische ein beliebter Treffpunkt.

Klar, dass also auch Hirsch und Yonas sich gerne hier treffen. Die beiden spielen seit 17 Jahren in der Berliner Punkband Montreal. Mit ihrem Schlagzeuger Max Power haben sie sich einst in Hamburg gegründet und gehören zu den wenigen Bands, die mit deutschen Texten auch weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind. Sie spielten bereits mit der amerikanischen Bloodhound Gang und tourten durch 18 Länder. Ein schönes und erfolgreiches Bandleben, doch in Zeiten von Corona ziemlich zerschossen.

Vor Hirsch und Yonas steht jeweils ein Guinness und ein Weißbier auf dem Tisch, dazu Zigaretten und ein Aschenbecher. Sie sitzen so bequem, als wären sie zu Hause, was zu diesem urigen Ort auch passt. Durch Corona wurde die für dieses Jahr geplante Tour fast komplett abgesagt, erzählen sie. Doch sie hätten die Zeit gut genutzt, sie nahmen eine neue Platte auf. „Mit fremden Federn“ heißt sie und ist eine Art Zwangscoronaprojekt. Und irgendwie doch nicht. Denn die Idee, ein kleines Album mit Coverliedern rauszubringen, hatten sie schon vor etwa zwei Jahren. Gut, dass sie dafür nun die Zeit hatten. Denn herausgekommen sind sechs schöne Punk-Rock-Lieder, die wie für einen Kneipenabend gemacht sind. Mal haben sie dafür einzelne Wörter der Lieder geändert, mal wurde fast komplett neu arrangiert wie etwa in dem progressiven Sommersong „Sommer 96“.

Ursprünglich sollten Montreal eigentlich nur irgendwelche NDW-Hits und 80er-Jahre-Klassiker covern, sie beschlossen aber ziemlich schnell, dass das so nicht „ihr Ding“ wird. Stattdessen bedienten sie sich am Repertoire befreundeter Musiker. „Das sind zum Teil Bands, mit denen haben wir mehr als 50 Konzerte gespielt“, sagt Yonas. „Und wenn man die regelmäßig sieht, kristallisieren sich da eben auch Songs raus, die man selbst richtig gut findet. Das war jetzt eine schöne Gelegenheit, sich daran zu bedienen.“

Montreal: Corona schadet mehr den Spielstätten als den Künstlern

Das zweite Guinness wird gebracht, fürs Foto, erzählt die Wirtin stolz. Die sind zwar schon längst im Kasten, Hirsch scheint dennoch dankbar und beginnt nach dem ersten Schluck, über diesen merkwürdigen Corona-Sommer zu erzählen. 50 abgesagte Konzerte, eine echte Hausnummer. „Aber es trifft einen ja nicht allein“, sagt er immer wieder. Dass man als Band jetzt mal ein Jahr nicht spielen kann, sei zwar schade, aber es treffe andere auf jeden Fall deutlich härter. Die Band kann digitale Lieder veröffentlichen, Yonas arbeitet nebenbei als Sozialrichter, Max als Erzieher. Hirsch sieht das größere Problem vor allem bei den Clubs und der Infrastruktur. Kein Club, kein Techniker, kein Busvermieter könne sich noch so ein Corona-Jahr leisten. „Da ist es egal, ob wir als Band in einem Jahr noch da sind, wenn es keine Clubs gibt, in denen wir spielen könne. Das ist die ganz große Problematik, da muss die Hilfe hin.“ 

Zur Unterstützung eben dieser Infrastruktur spielten sie im Sommer erstmals Autokino-Konzerte, damit die ganze Crew, zu der etwa auch Techniker gehören, endlich wieder etwas in Rechnung stellen konnte. In verschiedenen Teilen der Republik waren sie unterwegs, immer unter neuen, anderen Corona-Regeln. Sie mussten sich eben anpassen, nicht nur musikalisch. Zwar war es wohl nicht wie bei ihren normalen Punkkonzerten - wo die Menge tanzt und sie sich auch mal ins Publikum werfen -, doch unterhaltsam war es dennoch. „Wenn man diese Art der Konzerte mit einem Augenzwinkern sieht, dann macht das ja auch Spaß“, erzählt Yonas und fügt lächelnd hinzu, dass die neue Generation an Montreal-Fans gesichert sei, da viele „alte“ Fans ihre Kinder mitbrachten. So scheint alles seine Vor- und Nachteile zu haben.

„Wir haben von Anfang an geguckt, wie wir das Beste draus machen. Also, es war jetzt kein komplettes Rumsitzjahr“, sagt Hirsch, „aber der Slogan ist dieses Jahr sowieso eher ‚Besser als nichts!‘“. Das Bier ist inzwischen ausgetrunken, der Aschenbecher gefüllt, das neue Minialbum für Berlin und seine Kneipen steht bereit. Jetzt muss nur alles irgendwie wieder wie früher werden.

Montreal - „Mit fremden Federn“ (Amigo Records/GoodToG)