Matthias Matschke: „Es lebe der Unterschied zwischen Erdichten und Lügen“

Der Berliner Schauspieler und Comedy-Star Matthias Matschke debütiert mit „Falschgeld“ als Buchautor und philosophiert über die Beschaffenheit von Erinnerung.

Matthias Matschke
Matthias MatschkeBerliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Zu den Zuschreibungen, mit denen sich ein im Fach TV-Comedy tätiger Schauspielkünstler wie Matthias Matschke („Ladykracher“, „Pastewka“, „heute show“, „Scetch History“) herumschlagen muss, gehört die Erwartung, dass er mit Pointen um sich wirft und witzige Dinge sagt. Natürlich ist er uns als Theaterschauspieler vor allem an der Volksbühne in bester Erinnerung und haben wir nun sein erstes Buch, einen autofiktionalen Roman, mit großem Interesse und viel Genuss gelesen. Dennoch war es ein wenig überraschend, wie schnell sich das Gespräch zu philosophischen Fragen bewegte, die Matschke sich und uns ohne Prätention und mit sorgfältig ausgesuchten Worten vorlegt. Das Denken macht ihm Freude, er wagt sich dabei ins Offene und Melancholische. Schwer wird es nie, und wenn man keinen Kracher erwartet, wird man sich über das Aufleuchten von Gedanken freuen können, auch das sind ja Pointen.

Herr Matschke, es ist die Frage, die man allen Schauspielern, die als Buchautoren debütieren, stellen muss: Wieso auch noch schreiben?

Der Anstoß kam zwar von außen, aber ich habe dann doch gemerkt, dass mein Leben und Wirken viel mit Erdichtetem zu tun hat. Dieses Wort gefällt mir sehr. Ich durfte glücklicherweise an Häusern arbeiten, wo man auch als Schauspieler zu den Autoren eines Theaterabends gehört. Wir haben geschrieben und improvisiert.

Hat man Ihnen das so beigebracht?

Es gibt da eine Rückbindung zu meiner Ausbildung an der UdK in den frühen Neunzigern. Die hatten sich auf die Fahnen geschrieben: Wir bilden keine Schauspieler aus, sondern Künstler. Das fanden wir zwar affig, aber Dekaden später habe ich verstanden, was gemeint gewesen sein könnte.

Hatten Sie beim Schreiben nicht auch das Bedürfnis, Erinnerungen festzuhalten?

Nein. Ich bin grundsätzlich sehr skeptisch gegenüber der Erinnerung. Wir erinnern uns an vergangenes Leid, an vergangene Liebe, an Bindungen und Brüche – und können doch nicht sagen, ob es wirklich so war. Oder ob wir das Erlebte, während wir uns daran erinnern, nicht verfälschen, verklären oder verschlimmern. Wir sind nicht in der Lage, uns an die Wirklichkeit zu erinnern, weil unsere Perspektive schon während des Erlebens beeinflusst ist und die Wirklichkeit sofort vergeht.

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BLZ/Benjamin Pritzkuleit
Schauspieler, Comedian, Schriftsteller
Matthias Matschke wurde 1968 in Marburg geboren, besuchte in Darmstadt das Ludwig-Georgs-Gymnasium, studierte Religion und Deutsch auf Lehramt und dann, nachdem er von der Falckenberg-Schule München abgelehnt wurde, an der UdK Berlin Schauspiel.

Sein künstlerischer Durchbruch erfolgte an der Volksbühne, wo er sein zugleich komödiantisches, empfindsames und musikalisches Talent unter der Regie u. a. von Frank Castorf und Christoph Marthaler unter Beweis stellte. 

Mit „Sonnenallee“ (1999) begann auch seine Karriere als Film- und Fernsehschauspieler, der einem breiteren Publikum besonders durch die Comedy-Serien „Ladykracher“ und „Pastewka“ bekannt wurde.

Sein erstes Buch „Falschgeld“ erscheint am 3. September bei Hoffmann und Campe. 256 Seiten kosten 24 Euro. Die Buchpremiere findet am 20. November im Kino International statt. (Der Termin wurde verlegt.)

Ist das auch eine Befreiung?

Es ist ein total schönes Erlebnis, wenn sich eine Erinnerung zu einer Episode oder einer Erzählung zusammensetzt. Es kommen Zutaten hinzu, von denen man vorher noch keine Ahnung hatte und bei denen man nicht auseinanderhalten kann, ob es nun Erinnerungen, verfälschte Erinnerungen oder Hinzudichtungen sind. Man kann nur dankbar sein. Es erscheint mir gar nicht als meine eigene Leistung. Das ist ein bisschen wie eine Psychotherapie ohne Therapeuten: Man beginnt irgendwo, und dann kommen die Dinge dazu, die im ersten Moment nebensächlich erscheinen, dann ins Zentrum rücken und auf das nächste Motiv weisen.

Fehlt nur noch der gestaltende Zugriff.

Für mich kam erst einmal nur diese episodische Form in Betracht. Das gibt mir die Möglichkeit, die Erinnerungsorbits zu wechseln, mich von dem oder dem Stern anziehen zu lassen, ein paar Runden zu drehen, dann ein bisschen zu beschleunigen, aus der Umlaufbahn fliegen, mich vom nächsten Stern anziehen zu lassen, um mich hier weiter treiben zu lassen.

So kann man auch leicht immer wieder auf Distanz gehen.

Beim Schreiben gab es nie den Moment, in dem ich Angst gehabt hätte, dass ich zu intim werde. Ich erzähle nicht meine Geschichte. Das ist altes Handwerk aus meiner Volksbühnenzeit: Wenn du etwas mit Abstand erzählen willst, nimm es ganz nah an dich heran und behaupte, dass es deins ist. Das ist seltsamerweise die größtmögliche Form der Verfremdung. Dann kämpft der Bühnen-Matthias seine Kämpfe, und ich fühle mich sicher im Schutz dieser Behauptung.

Hat es Ihnen geholfen, dass Sie die Schreibhaltung zum Titel erhoben haben? „Falschgeld“ heißt ja, dass Sie gar nicht in Anspruch nehmen, echte Währung in Umlauf zu bringen.

Ja, das kann sein. Wenn ich schreibe, ist das so. Ich habe da etwas, eine Art Werkstück. Das schaue ich mir an und denke dann, ich habe ein dazu passendes Stück im Lager. Dann gehe ich nach hinten, suche das Stück und finde noch 15 andere Stücke, die auch passen, aber auf andere Weise. Wenn man bei jedem erst einmal nachprüfen müsste und ein Zertifikat beantragen müsste, würde das nicht funktionieren. Viel interessanter ist doch, warum man dieses Stück mitbringt, welche vergessene Relation zum Eigentlichen offenbart sich oder was ergibt sich heute daraus?

Warum sind Sie nicht Lehrer geworden? Sie haben Religion und Deutsch auf Lehramt studiert und schon vor einer Klasse gestanden.

Ja, das war auch eine große Freude. Ich habe das nicht mit Frust niedergelegt. Es war die Entscheidung für eine andere Identität. Bevor Sie gleich fragen, ob Lehrersein so was Ähnliches ist wie Schauspielersein, weil man ja hier und da vor Leuten steht ... Nein, überhaupt nicht. Ich finde, man muss als Lehrer ganz andere, fast gegenteilige Kompetenzen haben. Man muss authentisch sein, beglaubigen, dass das, was man unterrichtet, für einen selbst gilt und wichtig ist. Das sind zwei Paar Schuhe.

Der Herr Zitelmann aus Ihrem Buch war so ein authentischer Lehrer?

Der Mann ist 92 und lebt noch immer in der kleinen Stadt neben dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Der war Pfarrer und dann Religionslehrer, er hat Kinderbücher und dann philosophische Werke geschrieben. Im letzten Jahr hat er mir sein neues Buch über Johannes Kepler geschickt, dick wie ein Ziegelstein. Und jetzt schreibt er gerade an einem Buch über Gottesbeweise: „Es wird wohl mein letztes werden“, sagt er. Wenn der die kruden Geschichten aus dem Alten Testament erzählt hat, war das spannender als ein Actionfilm, und ich konnte gar nicht anders, als zu denken, dass das was mit mir zu tun hat. Das ist toll, wenn sich so einer als Lehrer vor dich hinstellt, weil der sich mit dem, was er macht und sagt, identifiziert. Dann bist du voller blindem Vertrauen. Der Wumms kommt aus dem Vertrauen in den Erzähler.

Ein Vorteil von schreibenden Schauspielern ist ja, dass sie ihre Texte selbst lesen können, und Sie haben viel Erfahrungen mit Hörbüchern und Hörspielen.

Das stimmt, und ich freue mich auch darauf. Aber der eigene Text, da habe ich auf einmal eine ganz andere Verantwortung. Da muss ich mal gucken. Ich tu mich auch schwer mit der Auswahl des Textes für die Lesung. Dass ich mich da so sträube, heißt natürlich was.

Vielleicht merkt man erst vor anderen, dass man sich nackt gemacht hat. Was sagt denn zum Beispiel Ihr Religionslehrer zu dem Buch?

Das ist ein wunder Punkt. Er und seine Frau haben das Buch gelesen, freuen sich darüber, er wird ja auch zitiert. Aber er hinterfragte vehement das Zitat meines Vaters, das ich vor den Text gesetzt habe: „Man muss an die Erinnerung glauben. Sie ist formbar wie die Zukunft. Es ist nicht verwerflich, sich an etwas zu erinnern, das es nicht gegeben hat. Wer soll uns dafür richten?“ Damit stelle ich, sagt Arnulf Zitelmann, alle Philosophen der Antike auf den Kopf, Platon, Sokrates würden widersprechen, dann gibt es keinen Begriff der Wahrheit mehr und der Fake-News-Verbreiter Trump kann sich darauf ausruhen. Und weil Herr Zitelmann eine Autoritätsperson ist, verunsichert mich das natürlich erst einmal. Aber es geht um die Akzeptanz der Tatsache, dass wir Erzählungen konstruieren, wenn wir uns erinnern. Es lebe der Unterschied zwischen Erdichten und Lügen.

Es gibt noch etwas, das wie die Erinnerung auf Konstruktionen und Eingebungen beruht, die wir selbst gar nicht steuern, nämlich die Identität.

Eben auch deshalb, weil die Erinnerung eine große Rolle dabei spielt, weil wir uns mit unseren Erinnerungen identifizieren. Und dass man selbst ein Produkt dieser Erinnerungen ist, darum geht es. Deshalb habe ich mich auch auf die ersten beiden Jahrzehnte meines Lebens beschränkt, weil man da noch so eine Art Rohling ist und tumb, unschuldig, anmaßend an die Identitätsfindung herangeht. Es hat mich interessiert, wie man sich seine Identität zusammensetzt, welche Entscheidungen dabei fallen und wie weit das gesteuert und kontrollierbar ist. Und auch das Zerstieben und die Wandelbarkeit dieser sich so grundfest anfühlenden Identität haben mich interessiert.

Der Sturz von einem Apfelbaum nimmt eine zentrale Stelle in dem Buch ein. War das ein Moment, in dem alles zerstiebt?

Dieses Erlebnis kennt so ähnlich sicherlich jeder: Dass das Leben nebenbei und mit scheinbarer Belanglosigkeit zeigt, wie schnell es von einem Moment auf den nächsten enden kann. Dieses Erlebnis und die Gedanken, die daraus folgen, haben mich nicht mehr verlassen. Diese Grunderschütterung macht einen vielleicht erst richtig wach für das Geschenk des Lebens.

Wenn man sich eine Identität konstruiert, gehört sie einem dann überhaupt?

Ein Großteil meiner Identität gehört mir nicht. Es ist wie bei einer Spinne: Sie ist so groß wie ein Popel, weist mit einer ausladenden Handbewegung auf ihr riesengroßes Netz und sagt: Das bin ich. Mit einem Wisch ist das ganze Konstrukt zerstört. Aber dennoch gehört es zu ihrer Identität. Das Netz bin ich, auch wenn ich es immer mal neu spinnen muss.

Bauen Sie Ihre Identität allein?

Natürlich nicht, ich muss ja die Fäden irgendwo verankern. Es ist auch eine Frage der Außenwahrnehmung. Auch das, wie andere mich sehen, ob sie nun richtig- oder falschliegen, trage ich als Teil meiner Identität mit mir herum. Das geht jedem so, aber einem Schauspieler umso mehr, als er eine Projektionsfläche ist.

Gibt es einen verlässlichen Kern?

Wenn ich das wüsste. Es gibt so viele Hinzufügungen! Wer will man sein, was bekommt man zugeschrieben in seiner Rolle als Partner, als Sohn, als Vater, als Kollege. Ich druckse da ein bisschen herum, weil ich über mein Privatleben nie rede. Ich möchte das da heraushalten, es soll nicht mit Projektionen von außen belegt werden.

Wird das Buch das verändern, nicht alle Leser werden so streng zwischen Ihnen und dem Buch-Matthias trennen?

Ich bin so ahnungslos! Meine Agentin sagt, dass ich mir ein dickes Fell anziehen solle. Das ist im Guten wie im Bösen der richtige Rat. Jede Beurteilung wird auch der Versuch einer Identitätsfindung durch andere sein. Ich muss lernen, das nicht persönlich zu nehmen.

Ist die Frage, ob Sie an Gott glauben, zu privat?

Ich weiß nicht, wie oft ich mein Gottesbild schon geändert habe, aber irgendwie komme ich davon nicht weg. Weil es da eine unverbrüchliche Verlässlichkeit gibt, die mir nicht anerzogen ist. Es ist eine Geborgenheit, der ich nicht entkomme.