Maria Sewcz: aus der Installation „TR 34; Istanbul“, 2016/17.
Foto: Haus am Kleistpark/Maria Sewcz/VG BIldkunst Bonn 2020

Berlin-Diese beiden Fotokünstler vermögen jeweils auf ihre Weise die Magie des Beiläufigen auf ihre Bilder zu bannen: Maria Sewcz, Jahrgang 1960, und ihr Kollege Göran Gnaudschun, geboren 1971 – sie studierten zu unterschiedlichen Zeiten  an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und lehren heute beide an der Berliner Ostkreuzschule für Fotografie. Beide hüten sich vor Postkarten-Motiven und Klischees.

Sewcz breitet im Haus am Kleistpark, einem wichtigen Berliner Ort für aktuelle Fotokunst, mehrere Werkgruppen unter dem Titel „ÜberStädte“ aus, lakonische Beobachtungen in Metropolen wie Istanbul, London, Rom, Berlin, in den Kabinetten auch Aufnahmen etwa von Leningrad in den 80er-Jahren. Große Städte sind für die Fotografin „Zentrifugen der Beschleunigung in der Moderne“. Ihre auf den ersten Blick kargen Motive geben jedoch schnell preis, dass sie sich am Puls des jeweiligen urbanen Gefüges aus Historischem und Gegenwärtigem orientiert.

In die Bosporus-Metropole Istanbul geht man förmlich hinein. Die Großfotos sind arrangiert zur Rauminstallation „TR 34“. Die markante Aufnahme zeigt steil von unten die oberste Etage eines Hauses, die fast an einen Turmaufbau mit Satellitenschüssel denken lässt und beinahe verschwindet hinter Spanplatten und einer Mauer. Die Fotografin liefert keine Erklärung für den seltsamen Anblick einer solchen Verbarrikadierung. Wir wissen auch nicht, ob das kaum sichtbare Gebäude dahinter eine offizielle Instanz ist. Sewcz gibt uns nur einige magere Daten: Sie fotografierte in Istanbul zwischen dem Putschversuch im Juli 2016 und dem Verfassungsreferendum im April 2017. Ziemlich kühn, in dieser gefährlichen Zeit als Ausländerin mit der Kamera unterwegs zu sein. Verhaftungen waren an der Tagesordnung, Präsident Erdogan wütete gegen jegliche Form des politischen Widerspruchs und stellte Oppositionelle unter generellen Terrorverdacht. Aber für die Berlinerin gab es offenbar nichts Spannenderes als jene Momente, in denen über die Tagesaktualität hinaus die Konflikte zwischen religiöser Tradition und westlicher Moderne aufbrachen.

Sewcz fing ohne Pathos und Dramatik die brutale Dynamik, die rohe Energie religiöser, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Transformationsprozesse ein, den Kontrast zwischen Islamisierung und Laizismus. Es sind eben nicht die medial bekannten Ereignisbilder der Demonstrationen, Politik-Inszenierungen und Gewaltakte. Was wir sehen, ist das Beredt-Nebensächliche. So wird Bild zu Sprache und Sprache zu Bild. Wie keine andere Metropole versinnbildlicht Istanbul vom Wahrzeichen bis zum Provisorium, vom chaotischen Basar bis zur Bosporus-Idylle die Themen der Zeit. Und so entstand in aller Stille, Knappheit und Beiläufigkeit eine analytische, zugleich essayistische Erzählung der Situation zwischen Europa, Balkan und Nahem Osten.

Göran Gnaudschun: „Flügel“, Berlin 2019 aus „I follow Rivers“.
Foto: Haus am Kleistpark/Göran Gnautschun

Die Suche nach Spuren und Zeichen gestaltet sich bei Göran Gnaudschun eher als verstörend poetische Vermessung des eigenen Lebensgeländes: das Bett, Fensterkreuze, grafisch scharf umrissene Äste einer Pinie in Rom, Zweige vor silbergrauen märkischen Himmeln, Wolken über Potsdam, Schattenrisse einer Tür, ein vom Strandsand „tätowierter“ Knabenkörper, ein Feuer. Und die Flügel der Goldelse am Großen Stern vor preußischblauem Berliner Himmel. Dieses und auch jedes andere flüchtige und beiläufige Motiv ist Innenwelt und Außenwelt zugleich, wirkt mal finster beklemmend, dann wieder hell und zärtlich. Es ist Gnaudschuns Abgleich der Gefühle, der Angst vor der Endlichkeit. Er bezieht sich beim Ausbreiten seines intimen Bild-Repertoires mit dem Titel „I follow Rivers“ auf einen  schwedischen Popsong von 2011 – damit auf die Frage nach dem eigenen Dasein und der Maxime, ohne Kompass den Flüssen zu folgen.

Haus am Kleistpark, Grunewaldstr 6-7, Schöneberg. Bis 27. September (Gnaudschuns Schau bis 20. September), Di–So 11–18 Uhr, Eintritt frei.