Berlin - Schon aus der Ferne sehe ich die lange Leine, die etwa vier Meter über einer Rasenkuhle zwischen zwei Bäumen schwebt. Ein junger Mann steht fast in der Mitte des Seils, dreht sich dann ein Mal um die eigene Achse, spaziert ein Stück in die Gegenrichtung und hüpft lässig ins Gras. Das muss Daniel Neumann sein, mit dem ich in der sogenannten Slackline Area des Volksparks Hasenheide verabredet bin, um meine ersten Gehversuche auf dem Seil zu machen. Etwas irritiert blicke ich ihn an: Da soll ich rauf? „Wir fangen erst mal etwas kleiner an“, beruhigt mich Daniel und führt mich zu zwei Bäumen am Rande der Kuhle.

Die Senke, über die der 30-Jährige seine Slackline gespannt hat, sollte in den 50er-Jahren zu einer Schnellstraße umgebaut werden. Doch das Bauprojekt scheiterte. Heute bietet der Ort optimale Bedingungen, um auf Nylon- und Polyesterbändern von Baum zu Baum zu balancieren. Am Wochenende treffen sich hier Profis wie Anfänger zum gemeinsamen Trainieren. Die Anfänger bleiben am Kuhlenrand, an dem die Bäume eng zusammenstehen, die Profis balancieren über dem Abgrund.

Daniel zeigt mir, wie ich eine Slackline aufspanne. Das Wichtigste: Zuerst den Baumschutz anbringen. Das sind zwei breite Filzgürtel, die wir um die Stämme legen und dort mit Karabinerhaken befestigen. Ohne Schutz wird der Baum beim Slacklinen dauerhaft geschädigt. Um die Filzgürtel legen wir zwei Baumschlingen, zwischen denen wir die Leine spannen.

Daniel befestigt sie auf der einen Seite mit zwei Ösen, durch die er die Leine in einem komplizierten System in Schlaufen und Knoten hindurchzieht. Auf der anderen Seite baut er einen kleinen Flaschenzug, mit dem er beliebig viel Spannung in die Slackline bringen kann. Es gebe auch einfachere Methoden, eine Slackline aufzubauen, erklärt er.  „Aber für mich hat sich diese Methode bewährt.“

Von Baukran zu Baukran

Daniel Neumann hat vor neun Jahren mit dem Slacklinen angefangen und gilt inzwischen als Koryphäe in der kleinen deutschlandweiten Gemeinschaft von Leinensport-Profis. Der 30-Jährige hat sich auf Highlines spezialisiert, wie er erklärt, also auf hoch über dem Erdboden gespannte Slacklines. Dafür fährt er mit anderen Slacklinern ins Gebirge und bringt die Leine zwischen zwei Bergspitzen an. Oder balanciert von Baukran zu Baukran, wie neulich am Dresdner Alberthafen. Und in seiner Heimatstadt Brandenburg an der Havel ist Neumann schon einmal bei einem Stadtfest auf einer Slackline über den Fluss spaziert. „Dafür gab es wahnsinnig viele Sicherheitsauflagen“, erinnert er sich. Unter anderem musste die Stadt Taucher am Flussufer bereitstellen, die ihn im Ernstfall aus dem Wasser fischen hätten sollen. „Dabei sind wir auf der Highline ohnehin immer mit einer Schnur gesichert wie Kletterer.“

Ich brauche heute keine Sicherungsschnur, dafür aber erstaunlich viel Muskelkraft. Als ich zum ersten Mal den Fuß auf die Slackline setze, beginnt sie unter mir zu zittern, als stünde ich unter Starkstrom. Mein gesamter Körper wehrt sich gegen den Gleichgewichtsverlust, indem er Muskeln anspannt, von deren Existenz ich bis dahin nichts ahnte. Nach ein paar Versuchen stehe ich keuchend im Gras. „Ich hätte nie gedacht, dass es so anstrengend sein kann, auf der Stelle zu stehen“, sage ich. „Der Körper versucht, seinen Schwerpunkt zu finden“, erklärt mein Slackline-Lehrer. Bis ihm das endlich gelinge, könne Slacklinen ein sehr frustrierender Sport sein. „Das Schlimmste ist: Der Fehler bist immer du selbst.“ Die Slackline übernehme jede der eigenen Bewegungen. Zittert das Bein, zittert sie mit. Neigt sich der Körper zur Seite, neigt sie sich mit.

Auch ihm selbst sei es anfangs so gegangen, erzählt Daniel. Und das, obwohl ihm bis dahin jede Sportart leicht gefallen war: „Das Slacklinen hat meinen Körper erst mal komplett überfordert.“ Der Ehrgeiz habe ihn gepackt, als er einen älteren Herrn auf einer Slackline Yoga üben sah: „Wenn der so was kann, werde ich ja wohl wenigstens einen Spaziergang auf dem Ding schaffen, dachte ich.“ Täglich spannte Daniel von diesem Zeitpunkt an seine Leine im Park, tastete sich von den ersten Schritten bis zur Mitte der Slackline, über die er mehrere Wochen nicht hinauskam. Nach einem Jahr endlich fühlte er sich sicher genug, um die 70 Meter über die Kuhle zu balancieren.

Starren auf ein Astloch

Mir rät er, meine Augen auf einen Punkt zu fixieren. Das helfe bei der Konzentration, sagt der Profi-Slackliner. Also starre ich wie in Trance auf ein mir gegenüberliegendes Astloch, während ich wieder und wieder versuche, meinen Fuß auf der Leine zu parken.

Allmählich scheinen meine Muskeln zu lernen. Nach einigen Versuchen zittert die Slackline nicht mehr. Ich schaffe es sogar, schwankend zwei oder drei Schritte vorwärtszu gehen. Um mich zu motivieren, bietet mein Lehrer mir an, dass er mich stützt, während ich die Leine einmal komplett entlang balanciere. So schaffe ich es tatsächlich von Baum zu Baum, ohne den Fuß einmal aufsetzen zu müssen. Ich bekomme eine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn mein Körper eines Tages seinen Schwerpunkt gefunden hat. Aber auch, wie weit der Weg bis dahin noch ist.

Slacklinen sei ein Sport, den man sowohl allein als auch in der Gruppe ausüben könne, sagt Daniel Neumann. Zu Anfang habe er viel allein trainiert. Aber da insbesondere am Wochenende der Park meistens voller Slackliner sei, lerne man sich schnell kennen.

Müllmänner an der Leine

2016 gründete er mit ein paar Freunden den ersten Berliner Slackline-Verein. Noch sei der Verein nicht als gemeinnützig anerkannt und habe darum keine eigenen Räume. Wenn es im Park zu ungemütlich wird, dürfen die Vereinsmitglieder aber in der Sporthalle des TSV Spandau ihre Leinen aufspannen. Daniel Neumann gibt auch Slackline-Seminare für größere Gruppen, etwa als Teambuilding für Firmen. Neulich erst hätten 40 Müllmänner gemeinsam die Slackline für ihn gehalten, während er von einem zum anderen Ende balancierte, erzählt der 30-Jährige, der hauptberuflich Sozialarbeiter ist.

Noch einmal konzentriere ich mich auf mein Astloch und versuche, meinen Körper mittels meiner gestreckten Arme auszutarieren. Ein Schritt nach dem anderen, das hat fast etwas Meditatives. Aber leider endet jede meiner Meditationen nach spätestens fünf Schritten. Ich beschließe, das als Etappensieg zu verbuchen und die Suche nach meinem Schwerpunkt für heute zu beenden. Nächstes Ziel: sechs Schritte. Morgen.