Robert Capa: Blick vom Brandenburger Tor Richtung Unter den Linden mit großem Stalin-Bild (Ausschnitt).
Foto: Robert Capa Archive International Center Photography, New York

Berlin - Robert Capa hat uns die Kriegsschauplätze des 20. Jahrhunderts ins Gedächtnis eingebrannt. Zuerst den Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco. Bis heute gilt sein Foto „Death of a loyalist Soldier“, eine schwer auszuhaltende Momentaufnahme von 1936 nahe Cordoba, als berühmteste Ikone in der Kriegsfotografie und als Anklage des sinnlosen Sterbens. Bekannte Klassiker sind die Bilder der Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944.  Capa watete „embedded“ mit der „ersten Welle“ der alliierten Truppen im Morgengrauen an Land, da, wo das deutsche Feuer am intensivsten war. Und nach dem Zweiten Weltkrieg fotografierte er 1954 in Vietnam die Kämpfe zwischen den französischen Kolonialtruppen und den von Ho Chí Minh angeführten Freiheitskämpfern. In einem Reisfeld bei Thái Bình endete 1954 das Leben des  rastlosen Bildreporters. Er wurde von einer Landmine in den Tod gerissen.

Capa, geboren 1913 in Budapest, ein Jude, der eigentlich Endre Friedmann hieß, hatte in Berlin Journalistik studiert und als Fotograf bei der jüdischen Agentur Dephot gearbeitet. Bis Hitler an die Macht kam. Er emigrierte via Wien nach Paris, später ging er mithilfe des chilenischen Dichters Pablo Neruda in die USA. Dort traf er Hemingway, galt als Abenteurer und Frauentyp – wohl vor allem wegen seiner Affäre mit der Schauspielerin Ingrid Bergman. Und er prägte die berühmte Devise der Kriegsfotografen: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nahe genug dran.“ So wurde er in der lebensgefährlichen und seelisch zehrenden Disziplin der Kriegsreportage einer der ganz Großen. Menschliche Größe beweist dieser Satz: „Der brennendste Wunsch eines Kriegsfotografen“, sagte er nach der Katastrophe, die Hitlers Diktatur über die Welt gebracht hatte, „ist der nach Arbeitslosigkeit.“ Er konnte nicht ahnen, welche Kriege bis heute noch folgen würden. 1945 tatsächlich arbeitslos geworden, flog er in GI-Uniform mit seiner Rolleiflex nach Berlin, ein Auftrag des „Life“-Magazins, bevor er 1947 mit Kollegen, etwa Cartier-Bresson, die legendäre Fotoagentur Magnum gründete.

Alliierte Soldaten und Zivilisten im Tanzcafé Femina, Nürnberger Straße 50-52, Schöneberg (Ausschnitt).
Foto: Robert Capa Archive International Center Photography, New York

600 Fotos machte Capa in diesen Berliner Sommertagen. Es ist ein ganz besonderer Stadtrundgang, den Kuratorin Chana Schütz jetzt im Centrum Judaicum – Stiftung Neue Synagoge Berlin ausbreitet, eine Auswahl von 120 Bildern. Die Fotos sind Leihgaben des Robert-Capa-Archivs in New York. Wir sehen ein surreales Berlin – zerstört und zugleich frei. Man erfasst unmittelbar den subjektiven, auch distanzierten Blick auf die zerbombte, verbrannte Stadt, ihre zuerst verstörten, dann wieder lebenshungrigen Menschen. Leute, die gewiss keine Hitler-Gegner waren, aber sich befreit fühlten in ihrer Ruinenstadt, ihrem kaputten Land. Capas Kamera hat den Hunger, die Entbehrungen in den Gesichtern festgehalten, aber auch dieses „Wieder-normal-leben-Wollen“. Keine Angst mehr haben zu müssen vor Fliegerbomben und Geschützen. Capa dokumentierte Kundgebungen für die Opfer des Faschismus in Neukölln und den Schwarzmarkthandel, Frauen, die ein paar alte Kartoffeln erstehen und Rotarmisten vor der Siegessäule und sich selber mittendrin. Und er erfasste die Gesichter der alliierten Soldaten im Tanzcafé Femina in Schöneberg, wo Amis und Russen miteinander fröhlich tranken. Was für ein Geschichtsmoment!

Gerhard Cohn und US-Gefreiter Werner Nathan beim jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana in der Synagoge Thielschufer, (heute Fraenkelufer), Kreuzberg (Ausschnitt).   
Foto: Robert Capa Archive International Center Photography, New York

Und was im Centrum Judaicum, an diesem Ort jüdischer Kultur, etwas ganz Besonderes ist, sind die Aufnahmen vom jüdischen Neujahrsfest in der schon in den Novemberpogromen 1938 schwer beschädigten Synagoge am Kreuzberger Thielschufer, heute Fraenkelufer, von betenden jüdischen Offizieren der US-Armee und von im Siddur, dem Gebetsbuch, lesenden Knaben. Das ruinöse orthodoxe Gotteshaus musste 1958/59 wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. Damals, 1945, war der Fest-Gottesdienst in der Ruine ein Abschied, denn fast alle Juden, die überlebt hatten, wollten weg – die meisten nach Amerika. Weg von den vielen Toten, weg aus dem Land der Täter. Die Stimmung bei Rosch ha-Schana damals war unübersehbar feierlich, die Gesichter ernst. Vor Robert Capas Bildern des Abschieds im Sommer 1945 kann heute von einer Berliner jüdischen Gemeinde mit mehr als 10.000 Mitgliedern gesprochen werden.

Auf einem aus kühner Höhe, wohl einer Ruine am Pariser Platz, aufgenommenem Foto suchte Capa einen obskuren Blickwinkel: Schadows rechtes Quadriga-Ross der Bronzegruppe auf dem Brandenburger Tor weist mit dem Huf hinunter zu einem überdimensionalen Stalin-Bildnis Unter den Linden. Als wäre das eine bildgewordene Ahnung von einem erneuten Krieg, dem Kalten Krieg zwischen den Systemen. Als hätte Capa vorausgesehen, dass Stalinisten dort unten im Osten der Stadt nur 16 Jahre später eine Mauer aus Beton bauen würden, um Deutschland zu trennen. Heute, im 30. Jahr des Mauerfalls gibt dieser Anblick ein starkes Argument: Menschen sollten nie mehr zwischen sich Mauern bauen.

Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28–30. Bis 9. Mai 2021, Di–Do 10–14 Uhr, So + Mo 11–17 Uhr, Katalog (Salzgeber) 19,80 Euro.