Max Uhlig: o.T. , 1980 (Pleinair Gallenthin), Aquarell, Tusche.
Foto: Christa-und-Gerhard-Wolf-Kunststiftung /Stiftung Stadtmuseum /M.Uhlig/VG Bildkunst Bonn 2020 

Berlin - Das hat sie so oft gesagt: „Meine Freunde, die Maler“. Die Schriftstellerin Christa Wolf (1929-2011) sammelte zusammen mit ihrem Mann, dem Janus-Press-Verleger und Essayisten Gerhard Wolf, seit den 1960er-Jahren Kunst: Malerei aus dem Osten. Es war, neben der Literatur, beider Passion. Über 200 Bilder, die nun als beredte Kollektion zu ihrem Nachlass, zu ihrem gemeinsamen Archiv gehören, erzählen auf ihre Weise vom deutschen Osten. Oftmals sind es Bildgeschichten und Illustrationen zu den Texten Christa Wolfs. Und nach 1990 kamen auch Werke von Malern aus dem Westen hinzu, etwa von Günter Grass und Günther Uecker, der ein enger Freund des Paares wurde. Zudem verhalf Gerhard Wolf mit seinem editorischen Schaffen vielen Künstlerinnen und Künstlern zu der ihnen gebührenden Öffentlichkeit und trug vor allem in der kulturpolitischen Enge der DDR entscheidend zu ihrer Wahrnehmbarkeit bei. Das Paar verfasste Essays zu ihren Malerfreunden. Es gibt seit 1996 von Janus-Press einen feinen Katalog.

Soeben nun hat sich Gerhard Wolf, ganz im Sinne seiner Frau und zusammen mit der Familie, entschlossen, diesen kostbaren Bestand in Etappen der Stiftung Stadtmuseum zu überlassen, als Kunststiftung Christa und Gerhard Wolf. Sechs Gemälde machen den Anfang und gehen in die Sammlung des Museums ein. Der große Rest von den Wänden des Wolf-Domizils folgt in Abständen nach. Paul Spies, Direktor am Stadtmuseums, spricht von einem Glücksfall für sein Haus, „ein wertvoller Zuwachs für die Sammlung nonkonformistischer Kunst aus DDR-Zeit“.

Elena Liessner-Blomberg: Russin in Berlin, Collage.
Foto: Christa-und-Gerhard-Wolf-Kunststiftung/Stiftung Stadtmuseum

Alle diese Gemälde und Papierarbeiten und auch einige Skulpturen, etwa von dem Bildhauer Wieland Förster, füllten seit Jahrzehnten die Wolf’sche Wohnung und die Arbeitsräume in Pankow. So etwa die Motive der unverwechselbaren Zeichnerin Nuria Quevedo, die als Kind mit den Eltern aus Franco-Spanien nach Berlin emigrierte. Sie machte 1983 zu Christa Wolfs „Kassandra“ Kohlezeichnungen. Darin sind Gewalt, Leidenschaft, Exzess und tiefste Verzweiflung zu augenscheinlich derben, beim Betrachten wild schmerzenden Körperbildern geronnen.

Die Sammlung Wolf besteht zumeist aus Werken von Künstlern, die den Erwartungen eines „idealen“ Sozialistischen Realismus nicht entsprachen, darunter  Arbeiten von Ausgereisten wie A.R. Penck, Cornelia Schleime, Helge Leiberg und von im Land Gebliebenen, Querulanten wie Horst Hussel und Manfred Butzmann und staatlicherseits  Beargwöhnten wie Gerhard Altenbourg, Carlfriedrich Claus, Max Uhlig, Harald Metzkes, Peter Herrmann. Bilder der letzten vier Erwähnten zählen zum ersten Schub der Wolf-Stiftung im Stadtmuseum. Und zudem die Collage „Russin in Berlin“ von Elena Liessner-Blomberg, eine  von Christa Wolf sehr geliebte melancholische Reminiszenz an Berlin unmittelbar vor dem NS-Terror. 

Es gehe nicht um das Besitzen von Kunst, sagte Christa Wolf in einem Gespräch in ihrer Wohnung, sondern „um das Glück, ständig Bilder um sich zu haben, deren Maler die Welt wiedergeben und sich deshalb nicht selten im Zwist mit ihr befinden“. Und so waren es eben Maler, die das Paar  Wolf irgendwie als Wegbegleiter empfand. Die Dresdner Malerin Angela Hampel etwa widmet sich in wilden Akten 2012 dem Kassandra-Thema, während die Berlinerin Annette Gundermann in ihrer Serie Motive zu Wolfs „Kindheitsmuster“ zeichnete. Übermalte Holzschnitte von Ellen Fuhr sind Christa Wolf gewidmet, konturharte Blätter machen deutlich: Das Schriftstellerleben in der DDR war eine Gratwanderung zwischen überlebensnotwendiger Anpassung und dem Streben nach subjektiver Wahrhaftigkeit. „Da steht man denn vor der Frage, was einem wichtiger ist, sich selbst kennenzulernen und mit sich ins Reine zu kommen oder in Übereinstimmung zu sein mit der landläufigen Meinung“, beschrieb Christa Wolf den Grundkonflikt in „Nachdenken über Christa T.“

Sobald das Stadtmuseum die Bilder zeigt, ermöglicht es uns Betrachtern zugleich dialogischen Zugang zum Nachlass der Dichterin. Bildwelten erinnern an Wortwelten.