Szene aus Anta Helena Reckes „Die Kränkungen der Menschheit“. 
Foto: Gabriela Neeb

BerlinNun ist es durch die Kanäle, das erste Online-Theatertreffen. Und es wird sicher nicht das letzte gewesen sein. Nicht, dass wir dem Virus ein langes Leben wünschten. Oder dass der Theatertreffenleitung die überraschend hohe Zahl von 120.000 Klicks auf ihr kostenloses Streaming-Angebot zu Kopfe gestiegen wäre und sie die begehrte Bestenschau deutschsprachigen Theaters von nun an ganz ins Internet verlegen wollte. 

Nein, wenn alles gut geht und Künstlern wie Theatern von der Politik auch durch die Corona-Dürre geholfen wird, dann, so die Leiterin Yvonne Büdenhölzer bei der Abschlussdiskussion am Sonnabendabend, findet das Theatertreffen nächstes Jahr wieder unter blühenden Kastanienbäumen im Haus der Berliner Festspiele ganz real statt. Aber vielleicht nicht mehr nur analog. Man werde sehen, was sich aus den diffusen Klickerfahrungen, die von Abrufen zwischen 5.000 und 36.400 pro Stückaufzeichnung berichten, nun ableiten lässt.

Wer in der vergangenen Woche neben den sechs Streamings der Zehner-Auswahl im Beiprogramm „UnBoxing Stages“ auch noch die engagierten Online-Gespräche zur digitalen Zukunft des Theaters verfolgte, der konnte die große Lust junger Regisseure auf eine ästhetische Erneuerung des Theaters nur zu gut vernehmen. Nach der Corona-Zäsur will man sich nicht wieder nur in alten Räumen breitmachen, sondern weiter noch als bisher auch ins Virtuelle vorwagen. „Neue Formate!“, das riefen sich überhaupt alle Beteiligten der Panels zu, von den „digitalen Anfängern“ wie Christopher Rüping sich nennt, über erfahrene Online-Dramaturgen wie Roman Senkl und Arno Vogelgesang bis hin zu den stets zu neuen Ufern aufbrechenden Intendanten Matthias Lilienthal und Kai Voges.

Ein wichtiger Erkenntnisfortschritt dürfte in diesem aus der Not geborenen Online-Jahr des Theatertreffens in jedem Fall darin bestanden haben, dass das Streamen von analogen Theaterproduktionen nicht zu verwechseln ist mit genuin digitalem Theater, dessen Liveness, Interaktion und auch physisch-emotionale Kopräsenz sich von den bisher exklusiv empfundenen Eigenschaften des alten Versammlungsortes Theater nur graduell unterscheiden. Um diese feinen, aber einschlägigen Unterschiede ging es in den so lebhaften wie wichtigen Zukunftsgesprächen, in denen eben auch die Generationenfrage eine Rolle spielt.

Das schlichte Streaming – darin waren sich Regisseure wie Kritiker weitgehend einig – war in diesem Jahr nicht mehr als ein „Notbehelf“. Soll auch dieses eine Zukunft haben, bedarf es dringend einer technischen wie ästhetischen Revision. Mag sein, dass mancher Zuschauer von Sandra Hüllers sehr heutigem, unpathetisch jammerndem Hamletgesicht, das die 3sat-Kameras durch zahllose Close-ups und kleinteilige Bildsequenzen in üblicher Fernsehmanier immer ganz nah heranholten, überwältigt war. Einem reicheren Figurenverständnis aber blieb das gänzlich fern, auch weil diese Bilder die Kopräsenz aller in dem großen, kühlen Symbolraum der Inszenierung von Johan Simons fast völlig außer Acht ließen.

Überhaupt litten alle Streamings an dieser aufgepferchten, auf Nähe fixierten TV-Ästhetik, wobei Claudia Bauers überreizte, an große alte Volksbühnenzeiten erinnernde Tennessee-Williams-Inszenierung „Süßer Vogel Jugend“ gegen die Unzulänglichkeiten der Licht- und Ton-Übertragung besonders zu kämpfen hatte. Bis ganz am Ende noch Toshiki Okadas „Vacuum Cleaner“ auf den Bildschirm trat und mit einem Split-Screen plötzlich doch noch zeigte, wie es besser gehen kann. Neben den Nahaufnahmen hatte man auch immer die Totale mit im Blick, was der eigensinnig auseinanderfallenden Raum- und Körpersprache dieser melancholisch-witzigen „anti-strindberg'schen“ (Juror Andreas Klaeui) Familienerzählung Luft zum Atmen gab.

Überhaupt war die Politik der Blicke, die Verschiebung der Perspektiven unter den sechs gezeigten Stücken diesmal ein besonders inspirierender Verbindungsfaden, der speziell die beiden frei produzierten Konzept-Inszenierungen heraushob. Den widrigen Online-Bedingungen zum Trotz funktionierten sie interessanterweise noch am besten, weil ihr Kern ohnehin eher im Umfeld-Denken liegt, im Zuhören und Vor- und Zurückschauen als im konkret Sichtbaren: Helgard Haugs Tourette-Recherche „Chinchilla Arschloch, was was“, in der drei Menschen von ihren pathologischen Ticks erzählen und damit auch die Zwänge unserer Normalwelt aus den Angeln heben. Und Anta Helena Reckes kleines, aber erfrischend komplexes Denkspiel „Die Kränkungen der Menschheit“, die uns in ein Museum voller Affen versetzt, wo sich langsam und wie in einem Perpetuum mobile alle Wissens- und Bildgrenzen in- und auseinander drehen und die kulturelle Hermeneutik in all ihren historisch-sozialen Verzweigungen selbst auf den Prüfstein kommt: Betrachter werden zum Bild und die Natur zur Kunst.

Und dann – wir hätten es fast vergessen war da noch die Frauenquote. Mit sechs Regisseurinnen wurde sie im ersten Jahr ihres Bestehens sogar übererfüllt und das ganz ohne jeden Krampf, versichern die Kritiker. Einfach ein starkes Frauenjahr, so der Tenor. Schön zu hören, und trotzdem wurde erst auf Nachfrage klar, wie wichtig die Quote dennoch bleibt. Denn wenn 70 Prozent der Premieren auf großen Bühnen nach wie vor von inszenierenden Männer bestritten werden, muss man, um allein quantitative Gleichheit bei der Sichtung herzustellen, den Radius unweigerlich in die Nischen erweitern, was ohne Mehraufwand und Druck wohl kaum passiert. Die Jury selbst gestand das freimütig ein. Und trotzdem: der Trend geht hin zu „starken Frauen“, so das Fazit, ob als umgewertete Figuren des Repertoires, als neue Entwürfe oder als Produzentinnen. Hoffentlich ist es ein Trend mit Zukunft.