Rusudan Khizanishvili, Long Time Jour­ney, 2019.
Foto: Rusudan Khizanishvili/Courtesy of Galerie Kornfeld

BerlinFür Klimaschützer ist es ausnahmsweise eine gute Nachricht: Die Corona-Pandemie sprengte über Jahrzehnte verfestigte Flugroutinen des Kunstmarkts. Viele unter Marktaspekten nicht unwesentliche Messestände und Stelldicheins zwischen Basel, London und Miami fielen flach oder befinden sich in einer unsicheren Schwebehaltung. Der Online-Kunstmarkt dagegen boomt. In sogenannten Online Viewing Rooms kann man virtuelle Räume betreten, die wie Möbelkataloge daherkommen, dort Kunst betrachten und sie, wenn es der Geldbeutel hergibt, auch kaufen.

Glaubt man den Machern der Berliner Initiative „Berlin Views“ – der Galeristin Tanja Wagner und den Office-Impart-Gründerinnen Anne Schwanz und Johanna Neuschäffer – liegt darin die Zukunft des Markts. „Die Auswirkungen des Digitalen auf die Kunst sind nicht neu”, sagt Neuschäffer, „wir beobachten die Effekte der Digitalisierung seit mehreren Jahren. Aber die Corona-Krise hatte einen Katalysator-Effekt, der jetzt eingefahrene Strukturen aufbricht.”

Das Anfang April gegründete Projekt will mehr Sichtbarkeit und Solidarität in die Kunstszene Berlins bringen. Derzeit sind 35 Galerien involviert, darunter auch etablierte Namen wie Eigen+Art oder Kornfeld. Auf der Webseite wird jede Galerie einzeln vorgestellt, dazu ein Werk der jeweiligen Künstler und, im Sinne größtmöglicher Transparenz, der Preis.

Für all jene, die den Berliner Kunstmarkt als sperrige oder elitäre Angelegenheit erleben, ist Berlin Views eine gute Nachricht. Das Projekt hat Potenzial, ihn zu erden, ihn zugänglicher zu machen. Berlin Views passt in eine Zeit, in der etwa die Art Basel ausschließlich online stattfindet. Um den Schimmer des Exklusiven nicht vollständig im demokratischen Gleichschritt des Internets aufzuheben, erhielten dort anfangs nur Kunstsammler Zutritt zu den Digital-Showrooms. Inzwischen dürfen alle die Online-Messe besuchen. Für die Zeitspanne einer Mittagspause kann man sich durch diverse Sammlungen klicken – von New York über São Paulo bis Berlin. Das wirkt aufwandslos-befreiend, aber auch ein bisschen befremdlich.

Denn der Preis der verkürzten Aufmerksamkeit und der LED-Bildschirmrezeption von Kunst online ist unvermeidlich ihr Auraverlust. Die Unnahbarkeit, technische Ausgefeiltheit und schiere Größenordnung der Werke lässt sich selbst bei hoher Auflösung nicht wirklich erfassen. „Das Digitale ersetzt kein analoges Leben”, sagt auch Tanja Wagner, „wir sehen es eher als zeitgemäße Ergänzung. Es geht darum, eine Kombination herzustellen”. Messen wie die Art Basel, glaubt sie, werde auch in Zukunft ein wichtiger Stellenwert zukommen, wenn auch in reduzierter Form.

Dass der Bedarf nach analoger Kunsterfahrung nicht plötzlich verschwunden ist, zeigte auch der Versuch Berliner Galerien, auf den Ausfall der Art Basel lokal zu antworten. Auf der „Sunday Open” zeigten 59 Berliner die für Basel angedachten Kunstwerke. Parallel öffnete die König Galerie für den Messezeitraum ihre Basel-Auktionsstücke in einer eklektischen, fast willkürlich wirkenden Hängeweise in den Hinterräumen des ehemaligen St. Agnes Kirchenkomplexes. Die Spannbreite der Werke ist enorm: sie reicht von Schwergewichten der Postmoderne wie Warhol und Kippenberger über bekannte Zeitgenossen wie Neo Rauch und Ai Weiwei bis hin zu Wahlberliner Newcomern wie Aline Alagem.

Dass derartige Spannbreiten heute auch online darstellbar sind, zeigt Berlin Views eindrücklich. Einen Galeriebesuch ersetzt das Projekt nicht. Es ist aber, mit den Worten von Anne Schwanz ausgedrückt, „ein Weg aus der Schockstarre und ein Schaufenster in die Diversität der Szene”.