Mit der Weihnachtsszene begann um 1885 die Entstehung des Weihnachtsberges.
Foto: Paulus Ponizak

BerlinEin Knopfdruck und schon schweben die Himmlischen Heerscharen an einem Mobile über der Geburtskrippe Jesu. Hirten in einer felsigen Landschaft weisen mit dem Arm auf den erscheinenden Stern von Bethlehem, andere schütteln angesichts des Wunders voller Erstaunen den Kopf. Selbst ein Schaf hebt den Kopf. Wie liebevoll winzigste Details dieser zentralen Szene der Weihnachtsgeschichte gestaltet sind! Und dies ist nur eine von 20 Figurengruppen, die das Leben Jesu nachstellen – von Verkündigung bis Wiederauferstehung. Sie sind versammelt im wahrhaft wundervollen Weihnachtsberg, der zu den Glanzstücken des Museums Europäischer Kulturen in Dahlem zählt.

Selbst der Kindermord zu Betlehem ist dargestellt

Etwa 300 Figuren, davon etwa 140 bewegliche, die meisten geschnitzt, andere aus Masse hergestellt, beleben die sich über 20 Meter erstreckende Landschaft rund um das biblische Jerusalem. Die größte Einzelszene zeigt das Volksgewimmel in der Heiligen Stadt in drei Pyramiden, deren Ringe sich gegenläufig auf mehreren Etagen drehen, sodass die Figuren einander entgegenkommen. Selbst die grausamste Geschichte der Bibel bleibt nicht ausgeschlossen, fesselt und erschreckt sie doch besonders: der von König Herodes angeordnete Kindermord zu Bethlehem.

Römische Soldaten halten Knaben in der einen Hand, die Mechanik lässt die andere, schwertbewehrte in die Höhe fahren und hinuntersausen. Am Boden hocken weinende Frauen, ihre hingerichteten Kinder im Arm. So erstaunlich dieses Kunstwerk ist, seine Schnitz- und Drechselarbeiten, die raffinierte Mechanik, so faszinierend ist die Geschichte seiner Entstehung, sein Fast-Verschwinden im Vergessen, die Rettung und schließlich die glückliche Ankunft an seinem sicheren Standort in Berlin.

Entstehung im Erzgebirge

Max Emil Vogel (1867–1943), Malermeister in Neuwürschnitz im Westerzgebirge, begann die Arbeit an seinem Weihnachtsberg um 1885. Der Sohn eines Webers war ein gläubiger und offensichtlich fantasievoller Mann mit Freude an bildlicher Darstellung, mechanischer Tüftelei und Liebe zum Detail. In vielen Haushalten der Region lebte die Tradition, zum einen Miniaturbergwerke als Vorführmodelle mit Leitern und Steigern nachzubauen, zum anderen in der Weihnachtszeit Krippen aufzustellen.

Beides verschmolz in den Weihnachtsbergen.  In einem Raum neben der Küche des kleinen Vogel’schen Hauses wuchs Jahr um Jahr sein Werk im beliebten orientalischen Stil. Die beiden einzigen erhaltenen Originalfotos zeigen die Konstruktion drei Meter breit, 2,90 Meter lang und 80 Zentimeter tief in einer Stubenecke. Viele Figuren schnitzte er selber, andere kaufte er hinzu.

Johannes der Täufer wird seinem Namen gerecht und tauft Jesus im Jordan. 
Foto: Paulus Ponizak

Er war nicht der Einzige, der einen solchen Weihnachtsberg baute – diese gehörten zu den erzgebirgischen Weihnachtsbräuchen; die Leute bauten die Landschaften auf wie andere ihre Weihnachtsbäume oder Modelleisenbahnen. Aber Max Vogels Weihnachtsberg zählte offenbar zu den schönsten.

Am Anfang entstand die Heilige Familie, Jahr um Jahr ergänzte Max Vogel an langen Winterabenden das Werk. Anregung bekam er aus einer Bilderbibel. 1940 stellte die Familie Vogel ihren Berg zum letzten Mal in Neuwürschnitz auf, da war sein Schöpfer über 70 und Invalidenrentner. Als Sohn Kurt aus dem Krieg heimkam, war der Vater lange verstorben. Zwar kannte der Sohn den Berg gut, doch schlugen Aufbauversuche fehl. So blieb der Zauber auf dem Dachboden.

Weihnachtsberg gerät in Vergessenheit und wird gerettet

Der einst zur Aufstellung benutzte Raum wurde Kinderzimmer, später Bad. Die Enkel kannten den Berg nur aus Erzählungen. Zwanzig Jahre nach dem Tod des Großvaters suchten sie nach Kaufinteressenten, doch fand sich niemand. Deshalb versuchten sie es  1986 mit einer Annonce in der DDR- Zeitschrift Wochenpost. Jetzt kommt Karl-Heinz Fischer ins Spiel, mit ihm beginnt eine Ost-West-Geschichte einschließlich mehrfacher Wiederauferstehung. Der Orchestermusiker aus Ost-Berlin reiste in jenem Jahr auf der Suche nach einer Geige für seinen Sohn ins Erzgebirge und entdeckte die Wochenpost-Anzeige „Mechanischer Weihnachtsberg zu verkaufen“.

Er fuhr nach Neuwürschnitz, fand in den Kisten Figuren, Tempel, Pyramiden und mechanische Bauteile – aber keine Dokumentation und niemanden, der die ganze Pracht aufgebaut gesehen hatte. Nur die beiden Originalfotos mit der Randnotiz „Mein Weihnachtsberg, Max Vogel“. Später tauchten ein handschriftliches Inhaltsverzeichnis sowie 25 Kartonbeschriftungen auf. Und Fischer studierte andere Weihnachtsberge. Aber er zweifelte, ob ihm ein Wiederaufbau gelingen könnte. 1996 sagte Fischer rückblickend: „Ich weiß bis heute nicht genau, warum ich nach einem halben Jahr den auch für DDR-Verhältnisse nicht unerheblichen Kaufpreis von dreißigtausend Mark bezahlte und die Fragmente 1987 kaufte.“

Die letzten Szenen der Geschichte Jesu im Weihnachtsberg, wie er in Dahlem zu sehen ist, hat der Retter des Kunstwerkes, Karl-Heinz Fischer, ergänzt. 
Foto: Paulus Ponizak

Umzug in den Westen und Wiederaufbau

Er überließ Familie Vogel außerdem seine zuteilungsreife Trabant-Anmeldung. Er brauchte sie nicht mehr, denn er hatte 1985 einen Ausreiseantrag gestellt. Beim Kauf des Volkskunstwerkes spielte also auch die Überlegung eine Rolle, es als Geldanlage für einen Neuanfang in den Westen mitzunehmen. Die Kisten zogen im Juni 1989 mit der vierköpfigen Familie um.

Im westfälischen Härten begann die Rekonstruktion. Sie sollte Jahre dauern, Frau, Sohn und Tochter beschäftigen und etwa 11 000 Hobbyarbeitsstunden kosten. Sie sichteten, katalogisierten, restaurierten, ergänzten, grübelten, stellten neu zusammen, ergänzten und empfanden die Mechanik mit modernen Elementen nach.

1990 begann der Neuaufbau. Er nahm Wohn- und Schlafzimmer in Beschlag, bald mieteten die Fischers einen Tiefgaragenstellplatz an. Für die erste öffentliche Ausstellung 1992 im Rathaus Marl entstand auch der erste Komplettaufbau nach fünfjähriger Arbeit und 50 Jahre nach der letzten Aufstellung.

Es gefiel so sehr, dass weitere Ausstellungen folgten, so im Wallfahrtsort Kevelaer und schließlich als Leihgabe im Niederrheinischen Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte.

Dauerhaft in Dahlem

Doch der Auf- und Abbau tat dem Werk nicht gut. Eine dauerhafte Lösung musste her. Fischer suchte ein deutsches, möglichst sächsisches Museum. 1997 kam er in Kontakt mit dem heutigen Museum Europäischer Kulturen in Berlin. 1999 gelang schließlich dank des Vermächtnisses einer Ärztin der Ankauf. Karl-Heinz Fischer erhielt eine kleine Kompensation für seinen Riesenaufwand. Heute steht der Vogel’sche Weihnachtsberg, von Karl-Heinz Fischer aufgebaut, im Dahlemer Museum als Teil der Ausstellung „Kulturkontakte. Leben in Europa“. Ein hinreißendes Stück Tradition.

Die ganze Geschichte im Begleitbuch von Tina Peschel:

Ein mechanischer Weihnachtsberg aus dem Erzgebirge, Verlag der Kunst 2015, herausgegeben vom Museum Europäischer Kulturen.