Berlinale 2017: Interview mit Jury-Präsident Paul Verhoeven

Berlin - In seiner bereits mehr als 55 Jahre andauernden Karriere war Paul Verhoeven mit seinen Filmen von Locarno über Toronto bis Cannes und Venedig bei fast allen wichtigen Filmfestivals der Welt vertreten. Nur seine Berlinale-Erfahrung hält sich in Grenzen, was sich in diesem Jahr ändert:

Der in Amsterdam geborene Regisseur übernimmt während des diesjährigen Festivals den Vorsitz der Wettbewerbs-Jury. Parallel zur Berlinale kommt außerdem endlich der neuer Film „Elle“ des 78-Jährigen in die deutschen Kinos, dessen Arbeit sowohl in der Heimat („Türkische Früchte“) als auch in Hollywood („Basic Instinct“, „Total Recall“) stets gleichermaßen auf Provokation und Erfolg  aus war.  Wir trafen den Filmemacher zum Interview, um sowohl über seine Aufgabe bei der Berlinale als auch über „Elle“ zu sprechen.

Herr Verhoeven, Sie sind in diesem Jahr Präsident der Berlinale-Jury. Haben Sie denn einen engen Bezug zum Festival?

Eigentlich nicht. Zumindest nicht im klassischen Sinn. Ich war natürlich immer mal wieder beim Festival, meistens für Meetings. Und 2013 habe ich auch eine Masterclass gegeben beim Talent Campus. Aber meine Filme sind nie auf der Berlinale gelaufen. Außer eventuell mal ein Kurzfilm, 1970 oder so. Dafür kann ich aber meine Hand nicht ins Feuer legen. Zu Berlin an sich habe ich aber einen umso engeren Bezug.

Inwiefern?

Meine Tochter Helen lebt hier. Sie ist Malerin und vor sechs Jahren nach Berlin gezogen. Schon  ihretwegen bin ich immer wieder gern und sehr oft hier. Auch beruflich hatte ich oft in Berlin zu tun. Für „Black Book“ zum Beispiel habe ich alle Innenaufnahmen in den Studios in Babelsberg gedreht und eng mit Cornelia Ott zusammengearbeitet, die ein toller Art Director ist. Die Postproduktion für meine holländischen Filme habe ich ohnehin immer schon in Deutschland gemacht, wenn nicht in Berlin, dann in München.

Klingt so, als würden Sie sich hier wohlfühlen...

Das können Sie laut sagen. Die Stadt ist  sehr einladend, vor allem verglichen mit anderen wie – sagen wir mal – Moskau. In Berlin gibt es Platz, alles läuft, wie es laufen sollte, und die Leute sind nicht über Gebühr aggressiv. Ich erlebe hier viel Verständnis, außerdem hört man die unterschiedlichsten Sprachen, und überhaupt ist die Stadt  international. Insgesamt geht es einfach entspannt zu bei euch Berlinern.

Von Entspannung kann bei Ihrer Aufgabe während des Festivals keine Rede sein. Freuen Sie sich trotzdem darauf?

Wie viel Spaß die Arbeit in solch einer Jury macht, hängt mehr noch von den Filmen ab, die man sieht, als von den Kollegen, mit denen man es zu tun hat. Ich saß mal beim Festival von Venedig in der Jury, unter anderen gemeinsam mit den Regisseuren Alejandro González Iñárritu und Jane Campion. Das war ein wunderbares Erlebnis, wir waren eine nette, sehr aufgeschlossene Gruppe, in der jeder dem anderen zugehört hat und allen klar war, dass es am Ende um eine Mehrheitsentscheidung geht, die vielleicht nicht jedem Einzelnen  gefällt. Auf eine ähnlich gelungene Erfahrung hoffe ich auch dieses Mal. Doch es geht auch ganz anders.

Ungute Jury-Erlebnisse kennen Sie also auch?

Leider ja. Wenn politische Themen Einzug halten in die Diskussionen, kann es schwierig bis ungemütlich werden. Iran oder Palästina sind besonders häufig Reizthemen. Als ich vor Jahren mal Jury-Präsident bei einem Festival in der Türkei war, wollte ich irgendwann am liebsten wieder abhauen. Nichts gegen Gespräche über Politik. Aber ich wollte über Filme diskutieren, nicht den Nahostkonflikt klären. 

Wenn nicht die politischen Diskussionen, was ist es dann, was Sie an der Jury-Arbeit besonders reizt?

Das Beste ist natürlich, dass man zehn Tage lang all diese unterschiedlichen Filme sieht. Man bekommt einen Überblick über die ganze Welt – und das in einer Art und Weise, die sonst kaum möglich ist. Schon gar nicht in amerikanischen Kinos. Vieles, was ich nun auf der Berlinale sehen werde, würde anderenfalls vermutlich nie meinen Weg kreuzen.

Ihr eigener, neuer Film „Elle“, der während der Berlinale  in den deutschen Kinos anläuft, ist inzwischen mit zwei Golden Globes ausgezeichnet, für elf  französische Filmpreise, also Césars  nominiert, und Isabelle Huppert geht beim Oscar ins Rennen. Dabei hatten zur Weltpremiere letztes Jahr in Cannes alle mit einem Skandal statt mit einem solchen Erfolg gerechnet!

Ich bin selbst überrascht, wie gut der Film ankommt. Zwar war ich ziemlich zufrieden mit meiner Arbeit, als „Elle“ endlich im Kasten war. Anders als bei den meisten meiner anderen Filme gab es wirklich gar nichts, was mich gestört hätte. Doch ich hatte wahrlich nicht erwartet, dass sich so viele Menschen  für diesen Film begeistern würden.

Können Sie  sich den Erfolg erklären?

Ich würde vermuten, dass der Erfolg vor allem daran liegt, dass „Elle“ anders ist als alle anderen Filme derzeit im Kino. Und die sind dieser Tage ja nicht selten austauschbar.

Mit der Einzigartigkeit meinen Sie, dass der Film von der Vergewaltigung der Protagonistin und vor allem deren Umgang mit der Tat erzählt?

Ich meine nicht die Geschichte an sich, sondern wie wir sie erzählen: ohne moralische Wertung. Das ist das Ungewöhnliche. Das darf man natürlich nicht verwechseln: Der Film ist nicht unmoralisch. Aber klassische, sich womöglich aus  Religionen ableitende Grundwerte und Verhaltensregeln spielen in diesem Film keine Rolle. Gerade in den USA kommt sicher hinzu, dass viele Zuschauer es nach Hillary Clintons Wahlniederlage es gern sehen, wie hier eine Frau sich von einem Schicksalsschlag nicht unterkriegen lässt. Genugtuung zumindest im Kinosaal.

Ursprünglich war der Film  sogar als amerikanische Produktion angedacht, nicht wahr?

Naiverweise ja. Der Produzent Said Ben Said schickte mir das Drehbuch, das damals noch auf Englisch war, und ich war begeistert. Vor allem weil ich einen Film wie „Elle“ noch nie gedreht hatte. Es zeigte sich  jedoch schnell, dass man mit einem solchen Stoff in Hollywood auf verlorenem Posten steht.

Hätte man sich das nicht  denken können, angesichts der Thematik?

Wahrscheinlich ja. Aber man hört so oft, wie amerikanische Schauspielerinnen sich darüber beklagen, dass es keine spannenden Rollen für Frauen gibt. Da denkt man doch, dass einem eine Geschichte wie die von „Elle“ aus den Händen gerissen wird. Doch das besagte Fehlen jeglicher Moralisierung scheint alle US-Stars, die ich im Sinn hatte, abgeschreckt zu haben. Oder zumindest ihre Manager und Berater.  Jedenfalls gab es niemanden, der sich  mit mir für den Film auch nur treffen wollte – und ohne prominente Hauptdarstellerin gab uns niemand das Geld.

Beflügelt Sie der Erfolg von „Elle“, weiterzumachen? Oder werden bis zu Ihrem nächsten Film wieder zehn Jahre vergehen?

Das hoffe ich nicht. War nämlich auch beim letzten Mal nicht beabsichtigt. Aber einige Filme, die ich in Europa zu stemmen versuchte, kamen nicht zustande. Und in den USA fand ich nichts Passendes. Oder es war kein Geld da. Auf der faulen Haut gelegen habe ich jedenfalls nicht, sondern unter anderem in diesen zehn Jahren drei Bücher geschrieben. Also mal gucken, was jetzt passiert. Vielleicht lässt sich dank „Elle“  doch noch das eine oder andere Projekt verwirklichen, in das ich damals schon jede Menge Zeit gesteckt habe.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.