Wie würde Wes Anderson die Berlinale inszenieren? Die Frage ist sehr theoretisch, und doch hat man gleich ein Bild. Zunächst würde er wohl, in kleinen Vignetten, die handelnden Figuren vorstellen – dramatis personae! Da gäbe es Dieter Kosslick als großen Patriarchen, der seine Felle davon schwimmen sieht, wie Bill Murray oder Gene Hackman in seinen Filmen.

Unter dessen müden Augen würden die jungen Kreativen sinnlos ambitionierte Projekte vorstellen, sich lieben wie Geschwister und manchmal auch verlieben, ohne wirklich miteinander zu kommunizieren, vielleicht in einer aufgeschnittenen Version des Berlinale-Palasts über die Stockwerke verteilt verlorenen Träumen nachhängen.

Auf Gruppenfotos wären sie eine große Familie und schauten doch in die Kamera, als würden sie sich kaum kennen. Zutiefst melancholisch wäre das alles, und natürlich todkomisch.

Zuletzt ein Silberner Bär

In der Realität verstehen sich der Festival-Direktor und sein amerikanischer Gast prima. Wes Anderson ist der Filmemacher, der die Stars bringt. Dreimal war er schon da, zuletzt gewann er mit „Grand Budapest Hotel“ den Silbernen Bären. Ralph Fiennes, Tilda Swinton, Bill Murray, Saoirse Ronan und Willem Dafoe rückten an.

Nicht wenige von ihnen werden auch diesmal wieder dabei sein, wenn „Isle of Dogs“ am Donnerstag mit seiner Weltpremiere das Festival eröffnet. Es ist Wes Andersons zweiter Animationsfilm nach „Der fantastische Mr. Fox“, das garantiert viele Sprechrollen und der Texaner setzt bekanntlich auf Familie.

Der Film spielt auf einer dystopischen Müllhalde in einem Science-Fiction-Japan, die Hauptdarsteller sind Hunde. Stilistisches Vorbild, verrät Anderson, sei Akira Kurosawa. Im Werk des japanischen Großmeisters sind Hunde eher selten. Man darf gespannt sein.

Selbstgebaute Welten

Der inzwischen auch schon 48-jährige Filmemacher zieht es seit jeher vor, sich seine Welten selber zusammenzubauen. Die gleichnamige Schule in „Rushmore“ war noch bescheiden, es folgte ein idealisiertes New York in „Die Royal Tenenbaums“ und in „Die Tiefseetaucher“ der Ozean nebst animiertem Jaguarhai.

Die vollends fiktive Republik Zubrowka in „Grand Budapest Hotel“, größtenteils in Görlitz entstanden, benannte er nach der bekannten polnischen Wodka-Marke. Spirituelles Vorbild – jedem Film lässt sich so ein Pate zuordnen – war der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig, dessen Bild der zusammenbrechenden Habsburg-Monarchie in „Die Welt von gestern“ und anderen Werken es Anderson angetan hatte.

Die entscheidenden Figuren in seinen Filmen sind selbst solche Geschichtenerzähler und Weltenbauer. So ist das Grand Budapest letztlich ganz das Werk des Concierge Monsieur Gustave, gespielt von Ralph Fiennes, der als einziger noch an seine Mission glaubt, genauso wie Bill Murray als despotischer Tiefseetaucher.

Filme aus anderen Filmen

In „Rushmore“ betrachtet der miserable Schüler Max Fischer die Schule als seinen Lebensinhalt. Sein grundloser Enthusiasmus gipfelt in der exakten Nachahmung von Filmklassikern in der Theater-AG, die er wie jedes außerlehrplanmäßige Schulfach selbst leitet. In seinem ganzen Gebaren ist er Regisseur und Filmstar in einem.

Was immer man also über Wes Anderson sagt, ist wahr. Er macht Filme aus anderen Filmen. Sein mild-neurotisches Familienbild, in dem sich Kinder wie Erwachsene benehmen und umgekehrt, droht sich zu wiederholen. Seine akribische Bildsprache mit ihren exakten Zentralperspektiven gleicht Comics oder Cartoons, ist im Animationsfilm letztlich am besten aufgehoben.

Selbst der resignative Grundton seiner meist weißen Mittelstandsfiguren findet sein Vorbild in den Peanuts von Charles M. Schulz. Aber mit dem Vorwurf der Selbstbespiegelung müssen Autorenfilmer nun mal leben. Und die überbordende Fantasie seiner Helden trifft doch vor allem auf Widerstände.

Nur ein Haufen Tierkostüme

„Von wegen Charaktere“, meckert Gene Hackman in den „Royal Tenenbaums“ über das erste Theaterstück seiner kleinen Tochter. „Das sind nur ein Haufen Kinder in Tierkostümen!“ Die lebenslangen Traumata der Figuren gründen auf solchen Verletzungen. Als Kontrollfreaks wollen sie damit umgehen und scheitern – der einzige Gegensatz zu ihrem Schöpfer.

Der amerikanische Schriftsteller Michael Chabon interpretiert Andersons Filme mit ihren manisch detailverliebten Tableaus als verschütt gegangenes Puzzle, das der Regisseur wieder zusammenbaue, nach eigenen Erinnerungen und dem bunten Bild auf der Schachtel.

Man ahnt es: Das Wichtige ist nicht der Inhalt, sondern die Schachtel. Blickt man auf „Isle of Dogs“, könnte sie diesmal etwas weniger bunt ausfallen, vielleicht sogar düster. Etwas unverwandt wird man sie dennoch betrachten auf diesem so ganz anderen Festival, als würde man sich kaum kennen. Genau so muss es sein.