Berlinale 2018: "In Berlin wollen wir einen schwarzen Teppich"

Es gibt zwei Fragen, die vor jeder Berlinale traditionell in den Medien diskutiert werden. Sie lauten: Gibt es genug Glamour? Und: Kommen genug Stars?

Berlin ist eine sehr unglamouröse Stadt, mit einem Filmfestival, das im Februar stattfindet, einem sehr uanglamourösen Monat, den viele Berliner am liebsten im Bett verbringen möchten. Der bescheidene, frostig-deutsche Glamour, den die Berlinale abwirft, ist da zumindest ein kleiner Lichtblick – Vitamin D für das winterliche Gemüt.

„Es ist unsere Verantwortung"

In diesem Jahr könnte nun einiges anders werden, glamourmäßig. Es gibt zum Beispiel die Forderung, den roten Berlinale-Teppich schwarz einzufärben. Warum? Wegen der MeToo-Debatte. Die Schauspielerin Claudia Eisinger hat eine Internet-Petition ins Leben gerufen, in der es heißt: „In Hollywood trugen die Schauspielerinnen Schwarz. In Berlin wollen wir einen schwarzen Teppich.“

Und weiter: „Es ist unsere Verantwortung, der Welt zu signalisieren, dass sexueller Missbrauch, Übergriffe und Diskriminierung von Frauen nicht länger ungesehen bleiben.“ Über 20.000 Menschen haben die Petition bereits unterzeichnet. 

Ist Schwarz wirklich eine gute Farbe?

Mich hat das verwirrt. Die Vorstellung, dass ein schwarzer Teppich eine antisexistische, antidiskriminierende Wirkung haben könnte, ist so wunderschön bescheuert wie der Gedanke, dass die Erderwärmung stoppt, wenn sich nur viele Leute nachts drei Scheiben Jagdwurst in die Unterhose legen. Dann aber dachte ich: Es geht doch hier um die gute Sache! Und hätte die Aktion nicht noch viel größere Symbolkraft, wenn nun alle Berliner ihre Teppiche schwarz färben würden? Diese Berlinale würde als „Teppich-Berlinale“ in die Geschichte eingehen und wäre ein eindrucksvolles Manifest gegen Sexismus! 

Wobei, ist Schwarz wirklich eine gute Farbe? Ist es nicht zumindest rassistisch interpretierbar, wenn ein andersfarbiger Teppich schwarz eingefärbt wird? Gibt es dann nicht gleich die nächste Online-Petition, Hashtag „I’m not your negro“, die fordert, den schwarzen Berlinale-Teppich wieder rot zu färben? Drehen wir uns am Ende im Kreis?

Keine Teppichfrage

Sehr interessant ist auch der Berlinale-Aufruf der Schauspielerin Anna Brüggemann: Hashtag „Nobodysdoll“. Ja, wir leben in Zeiten des Hashtag-Feminismus. Brüggemann kritisiert den Modezwang für Schauspielerinnen auf dem roten Teppich. „Wir überlassen noch immer die Definitionsmacht, was als attraktiv gilt, dem patriarchalisch geprägten Blick.“

Anna Brüggemann hat natürlich völlig recht: Alle reden immer nur von der Lage der Frauen in Afghanistan oder im Iran – dabei spielen sich auf dem roten Teppich und beim anschließenden Champagner-Empfang die echten Tragödien ab. Liebe Anna Brüggemann, zieh doch auf der Berlinale an, was du magst. Hohe Schuhe, flache Schuhe, keine Schuhe. Das ist völlig okay. Und auch erlaubt! Aber Haltung zeigen war noch nie eine Frage des Textils. Und ist auch keine Teppichfrage.