Die Perspektive wird volljährig. Vor 18 Jahren wurde die Nachwuchssektion der Berlinale aus der Taufe gehoben, vom damals neuen Direktor Dieter Kosslick, wie Linda Söffker betont, die Sektionsleiterin. Aber auch sie hat in den letzten Jahren einen guten Job gemacht und dem jungen Ding ein Profil verschafft. Es gibt ihn, den typischen Perspektive-Film. Er handelt, natürlich, von jungen Leuten. Das ist aber noch nicht alles. In die Perspektive kommen Filme, hat man das wunderbare Gefühl, die bei jedem Berlinale-Relevanz-Check durchgerasselt sind. Weil die jungen Leute nichts als Liebe im Kopf haben.

Es gibt keine sonstigen schweren Themen, keine betroffenen Blicke und minutenlanges Schweigen. Stattdessen wird geflirtet, gelacht, gewundert und allerhöchstens tragikomisch gelitten, immer irgendwie schräg zum Leben. Klingt furchtbar läppisch, ist es auch manchmal, wird aber geadelt durch einen Hauch engagierter Ambitionslosigkeit, hinter dem man Kalkül vermutet. Allzu viel Ehrgeiz scheint unerwünscht. Der „German Mumblecore“, die Essenz dieser anderen Art des Filmemachens, hatte hier über Jahre seine Heimat.
Das ist alles groß verallgemeinert, vorbei an Dutzenden Gegenbeispielen, dennoch hier die steile These: May Spils’ Film „Zur Sache Schätzchen“, dieses Jahr in der Retrospektive platziert, wäre 1967 in der Perspektive gelaufen.

Neue Form bei 69. Berlinale: Eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm

In der neuen Ausgabe scheint alles gleich und ist doch völlig anders. Da wäre der Eröffnungsfilm „Easy Love“ von Tamer Jandali. Sieben Frauen und Männer zwischen 25 und 45 suchen nach der leichten Liebe in Köln, zwischen „Luxusobdachlosigkeit“ und Verlustängsten, Techno und Intimrasur. Klingt vertraut. „Dreißig“ von Simona Kostova feiert eine Nacht in Neukölln, in Thomas Moritz Helms „Heute und morgen“ sucht ein Berliner Pärchen nach sexuellen Abenteuern zu dritt. Charmante Momente sind da unvermeidbar, aber die Leichtigkeit ist nicht mehr dieselbe. Und warum reden die Leute so komisch?

Das neue Ding hört auf den Namen „dokumentarische Form“. Mit ganz unterschiedlichen Gewichtungen handelt es sich um eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm. Unscripted Reality? Oder doch kunstvoll improvisiert? Man weiß jedenfalls nie, welcher Teil gerade dran ist. Im Jargon der neuen Zeit: Darauf muss man klarkommen können.

Perspektive Deutsches Kino beginnt mit dem Film „Easy Love” 

Klassisch Perspektive ist Miriam Blieses „Die Einzelteile der Liebe“ über ein Trennungspaar mit Kind, das in Rückblenden seine Beziehung rekapituliert. Der originelle Clou: Fast sämtliche Szenen vom ersten Flirt bis zum bitteren Ende spielen vor einem Wohnblock im Berliner Hansaviertel. Droht die Verlagerung ins Innere, hat man plötzlich den Schlüssel vergessen. Zu gewitzten Dialogen in sprödem Ambiente kommen wehmütige Schlager wie „Liebeskummer lohnt sich nicht“.
In einem Zwischenraum – immer eine gute Metapher für den ersten Film – befindet sich auch ein junger Muslim in Mehmet Akif Büyükatalays „Oray“, der im Streit mit seiner Frau die fatale Scheidungsformel „talaq“ ausspricht. Muss man das nicht dreimal sagen? Was steht im Koran? Schlecht informiert, aber strenggläubig nimmt Oray eine Auszeit und droht dabei den Halt zu verlieren.
Die Türsteher-Doku „Berlin Bouncer“ wird natürlich ein Hit. Alles andere als eine Enttarnung der mächtigen Kerle als luzide Alltagsphilosophen wäre eine Überraschung.

Eine solche bietet ohne Zweifel Maryam Zarees Dokumentarfilm „Born in Evin“. Die aus der Serie „4 Blocks“ bekannte Schauspielerin spürt darin ihrer eigenen Geschichte nach: Sie wurde in einem berüchtigten Iraner Gefängnis geboren. Superschweres Thema, sehr empfehlenswert. Es ist also tatsächlich einiges anders in diesem Jahr, doch wer mag, kann auch darüber abschließend diskutieren. Anlässlich des letzten Films „6Minuten66“ von Julius Feldmeier und Katja Feldmeier, in dem mehrere ehemalige Perspektive-Filmemacher und Filmemacherinnen zu Wort kommen, gibt es ein Panel zum Thema „Stirbt das Kino?“ Als Ort, der sich verflüchtigt hin zu immer mehr Streamingplattformen, oder sogar insgesamt als Kunst? Nun, für Abgesänge ist es vielleicht zu früh, aber es sucht ganz offensichtlich nach neuen Formen.

Perspektive Deutsches Kino startet mit dem Film „Easy Love“, Fr, 19 Uhr, CineMaxX 3