Berlin - Es gab Filme, die dauerten Stunden, wie der philippinische „A Lullaby“. 2016 lief er im Berlinale-Wettbewerb. Nach vier Stunden gab es eine Pause für die Zuschauer, ein bisschen Obst und Kaffee. Viele schworen, sich das nie wieder anzutun. Filmbesessenheit hin oder her.

Drei Jahre zuvor erhielt das politisch motivierte Blankziehen der Frauengruppe „Femen“ höchste Aufmerksamkeit. Wie die Damen plötzlich oben ohne auf dem Teppich rumhüpften, für Frauenrechte demonstrierten – das war irgendwie vergleichbar mit Flitzern im Fußballstadion. Aber ernster. 

Die Berlinale: Ein einzigartiges Spektakel 

Im vergangenen Jahr war es MeToo, der geplante Abendrobe-Boykott von Schauspielerinnen, die nicht mehr länger für die Schönheit auf dem Teppich bibbern wollten.

Nicht zu vergessen der Kreischalarm vorm Berlinale Palast, besonders bei Vampir-Darsteller Robert Pattinson oder George Clooney, der vor drei Jahren durch seine Anwesenheit gefühlt die gesamte Stadt lahmlegte, als er im Soho-Haus anlässlich der Filmfestspiele residierte. Und dann kamen zeitgleich auch noch Brad Pitt und seine damalige Frau Angelina Jolie, was zu einem Ausnahmezustand führte.

Unvergessen die Szene, als Jolie bei der Friedensgala „Cinema for Peace“ im Konzerthaus am Gendarmenmarkt Weltstar Catherine Deneuve zeigte, wer Herrin im Haus ist: Die Hollywood-Diva würdigte die Grande Dame des französischen Kinos keines Blickes, was bei dieser zuerst Schnappatmung und dann sichtbare Transpiration auslöste.

Das alles trägt seit Jahren zu einem einzigartigen Spektakel bei, das sich seit 1951 in Berlin abspielt – und diesen Donnerstag wieder beginnt. Die Internationalen Filmfestspiele, die Berlinale 2019, die 69. 

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick: Mit Schneid, Witz und Weltklasse

Es ist kein rundes Jubiläum, das feiern Berlin, die Filmschaffenden und die Fans im kommenden Jahr. Doch dann ist Dieter Kosslick kein Festival-Chef mehr. Der 70-Jährige mit dem roten Schal, der gefühlt jeden Star schon einmal umarmt hat und der sich während des Festivals mit Ingwertee vor Grippeviren schützt, geht nach 18 Jahren in Rente. Ihn werden Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian ersetzen und in diesem Jahr bereits mit ihm über den Roten Teppich schreiten. Hand in Hand, beteuerte Kosslick. Man werde zeigen, dass man sich einig sei.

Es ist dennoch eine Zäsur – und das zeigten ihm die Journalisten jüngst bei der alljährlichen Programm-Pressekonferenz wenn auch verhalten, lautes Loben ist ja eher was für Unreflektierte, aber mit langanhaltendem Applaus.

Denn eigentlich fanden sie ihren Dieter ziemlich passabel, der hatte Schneid, Witz und Weltklasse – auch wenn er mitunter den Spagat zwischen Hollywood und politischem Film für viele zu arg Richtung Glamour strapazierte. Es gibt kaum eine Veranstaltung, bei der das nicht wenigstens einmal zur Sprache kommt. 

Berlinale: Sehen und Gesehenwerden

Die Programm-Pressekonferenz löst übrigens jährlich, man kann die Uhr danach stellen, die ersten Tumulte aus. Wenn ein großer Teil der fast 3700 akkreditierten Journalisten in das Haus des Presse-und Informationsamtes der Bundesregierung rennt, sich um Prospekte und Plätze drängelt, erinnert das mitunter an sich um ein Karussellpferd streitende Kinder. Es gipfelt in einem Handtuchkrieg, Erinnerungen an Mallorca werden wach, wenn alle ihre Stühle mit Jacken besetzen. 

Es ist allerdings erst der Anfang. Die meisten von ihnen werden von nun an rennen, drängeln, atemlos von Termin zu Termin hechten und um die besten Sitze in den überfüllten Kinos kämpfen. Die Treppen hoch im Berlinale-Palast, ins Foyer der Cinemax-Kinos, um auch dort Filme zu schauen, ins Hyatt (der Schaltzentrale für  Sponsoren, Kritiker, Filmeinkäufer und Fans am Potsdamer Platz) zu den Interviews mit den Stars oder abends zu den Events, die am Potsdamer Platz, im Hotel Stue, dem Ritz-Carlton oder im Kommunikationsmuseum stattfinden.

Es sind die Mega-Partys, das Sehen und Gesehenwerden, auf denen in den ersten vier Tagen sich die Stars und Sternchen feiern, sich in Pose werfen, deutsche Mimen sich an Hollywoodstars ranwanzen (meistens bei der Eröffnungsgala), alle an Champagnergläsern nippen und ihre exklusiven So-überstehe-ich-jeden-Kater-Tipps verraten. Oder wie sie sich schönheitstechnisch vorbereitet haben, um besonders frisch zu wirken. Bis Dienstag müssen sie feiern und viel Wasser zum Wein kippen. Netzwerken, mit den Säbeln rasseln. Dann wird es ruhiger.

Ja, das Filmfestival hat eben seine Rituale und all das spielt sich nur auf einem kleinen Fleckchen Berlin ab, auf den ab kommenden Donnerstag die Welt blickt. Auf den Roten Teppich, der in diesem Jahr eigentlich grün ist, weil er aus recycelbaren Fischernetzen besteht. Auf die Stars – wie Tilda Swinton, Christian Bale und die wunderbare Juliette Binoche, die in diesem Jahr der Internationalen Jury vorsteht.

Und nicht zu vergessen Sandra Hüller, ebenso Jury-Mitglied. Charlotte Rampling, die den Goldenen Ehrenbären bekommt. Ein Beitrag zu mehr Frau im Festival. Bei den 400 Filmen, die zu sehen sind, haben etwa 191 Frauen Regie geführt.

Erinnerungen an die Berlinale im Zoo-Palast

Felix Neunzerling ist Chef der Zoom Medienfabrik. Er betreut jedes Jahr Filme bei der Berlinale. 16 war er, als er das erste Mal von Frankfurt/Main aus in die damals geteilte Stadt fuhr. Kalt war es in jenem Februar 1978, alle trugen Pudelmützen und Schals. Die Jahre vorher hatte die Berlinale im Juni stattgefunden. Doch der damalige Festivalchef Wolf Donner änderte dies.

Mutig hatte sich Donner außerdem dafür entschieden, das Gemeinschaftsprojekt Deutschland im Herbst im Wettbewerb zu zeigen – über die Entführung und Ermordung Hans Martin Schleyers durch die RAF und der Selbstmorde von Stammheim. Zum Ausgleich gab es Hollywood-Schinken und Gena Rowlands gewann den Silbernen Bären als beste Darstellerin. US-Schriftstellerin Patricia Highsmith war Jury-Präsidentin. Star-Regisseur Sergio Leone gehörte ebenso zum Team.

„Klar gab es damals schon Glamour, aber anders“, erinnert sich Neunzerling. Die Berliner feierten ihre Stars auf der Berlinale wie ihre Grüne Woche. „Aber alles war viel kleiner, es hatte den Charme und Mief der 70er-Jahre und man kam unkomplizierter an Karten.“ Aber für ihn sei es damals die große Filmwelt gewesen. Der Zoo-Palast, der bis 1999 als Hauptaustragungsort diente, das Bikini-Haus. „Dort roch es nach Zigaretten und Braunkohle von den Öfen“, so Neunzerling. Im ersten Stock habe es ein Büfett gegeben, überall debattierten Menschen oder sie zogen ins Pornokino gegenüber vom Zoo-Palast, vorbei an einem Plakat von Harald Juhnke, um einen Streifen von Schmuddelfilmer Lothar Lambert zu sehen. Neunzerling: „Jeder hatte Taschentücher dabei, um seinen Sitz vorher sauberzumachen.“

Oder man habe nachts einen Drei-Stunden-Film von Tarkowskij auf Holzstühlen gesehen und danach stundenlang in den verrauchten Kneipen diskutiert. Alles sei politischer gewesen, weil die Gegensätze einfach größer waren. 

Berlinale: Das kälteste Festival überhaupt

In diesem Jahr lautet Kosslicks Devise „das Private ist politisch“. Auch so ein Sponti-Spruch unter anderem der Frauenbewegung aus diesen wilden 70er-Jahren. 

An solche „Auswüchse“ dachte US-Filmoffizier Oscar Martay gewiss nicht, als sich am 9. Oktober 1950 auf seine Initiative hin erstmals ein Ausschuss trifft, der die Gründung eines internationalen Filmfestivals vorbereiten soll. Zum Festivalleiter wird Filmhistoriker Dr. Alfred Bauer berufen. Und am 6. Juni 1951 – die Stadt liegt sechs Jahre nach Kriegsende noch in Trümmern – eröffnet Alfred Hitchcocks „Rebecca“ die Berlinale. Der Star des Films, Joan Fontaine, ist der gefeierte Stargast des Festivals.

Die Berlinale wird ein großer Publikumserfolg. Die Festakte finden in der ausverkauften Waldbühne statt – am Abschlussabend von einem großen Feuerwerk gekrönt.

Heute undenkbar. Die Berlinale ist das kälteste Festival überhaupt. Es ist ja auch Winter. Ganz schön eisig für die Stars, die kommen. Allerdings werden sie meist reich belohnt. Hollywoodstar Nicole Kidman soll 250.000 Euro von ihrem Filmverleih erhalten haben, um sich auf der Berlinale zu zeigen. Werbung für ihren Film zu machen. So läuft das in dem Business. Trommeln ist eben alles. 

Februarfrost macht die Berlinale zu dem, was sie ist 

Und nun? Nun denkt man schon wieder darüber nach, das Festival noch einmal zu verlegen. Der Oscars wegen. Denn die glamouröse Preisverleihung in Los Angeles – sie findet künftig exakt zur Berlinale statt. Wer aus Hollywood will da noch an die schockgefrostete Spree reisen, wenn er zu Hause im warmen Sonnenuntergang durchs Blitzlichtgewitter schreiten kann?

Verlegen ist heute wieder ein Muss. Nur bitte nicht zurück in den Sommer! Denn mal ehrlich: Was wären die Filmfestspiele Berlin ohne ihren räudigen Winter? Die glühenden Gesichter, die Gänsehaut auf dem Roten Teppich, das Knistern der Herzen, das Kuschelbedürfnis, die Schlangen vor den Garderoben (man kommt ja so schnell und so gut ins Gespräch miteinander!), das blitzartig erwachende Heldentum, wenn die Herren den Damen ihr Sakko über die nackten Schultern legen ...

Nein, erst dieser schier ewige, dieser schier unerbittliche Februarfrost, den wir Berliner so leid sind und den viele unserer Gäste so cool finden, macht die Berlinale zu dem, was sie ist: zum heißesten Shit, seit es auf diesem Planeten Filmfestivals gibt.