Ein junger Mann fährt 1963 in Kansas Schlangenlinien auf der Landstraße: Dick Cheney (Christian Bale) ist sturzbesoffen, als er von einem Polizisten angehalten wird. Schnitt. 11.September 2001, Krisenzentrum im Weißen Haus, alle Entscheider sind da, nur der Präsident fehlt. Unsicherheit, Chaos und eine drängende Frage: Dürfen, müssen Passagierflugzeuge abgeschossen werden, wenn sie nicht umgehend landen? Alle Blicke sind auf den Vize-Präsidenten gerichtet. Cheney, dick und unförmig, schütteres graues Haar, schaut nach unten. Und überlegt.

Zwei biografische Eckpunkte, die nicht zusammen passen wollen, mit dieser Gegenüberstellung beginnt Adam McKays „Vice“ und stellt eine offensichtliche Frage: Wie konnte aus einem Tunichtgut, der gern trinkt und sich auch schlägt, der zweimal hochkant aus der Elite-Universität Yale geflogen ist, einer der mächtigsten, vielleicht auch verheerendsten Politiker der US-Geschichte werden?

Die Karriereleiter hinaufgestolpert

McKay hat als Autor, Produzent und Regisseur etliche TV- und Filmkomödien gemacht. Dass das kein Widerspruch und kein Ausschlussgrund ist, wenn es um die ganz großen, gesellschaftlichen, politischen Themen der Zeit geht, hat McKay bereits bewiesen: Mit klarem, rücksichtslosen Blick hat er 2015 in „The Big Short“ die Mechanismen der Immobilienblase und der Finanzkrise analysiert. Er stellte damals die absurde, düstere, makabre Komik eines Systems bloß, indem anderer Leute Geld verschoben oder eben vernichtet wird. Alles krank, alles todkomisch.

Bei seinem Film über Richard Bruce „Dick“ Cheney folgt Adam McKay einem ähnlichen erzählerischen Ansatz, doch „Vice“ ist noch raffinierter. Zunächst rutscht Cheney hier eher zufällig in die Nähe der politischen Macht: Angetrieben von seiner ehrgeizigen Ehefrau Lynn (toll: Amy Adams) wird er 1969 Assistent von Donald Rumsfeld (Steve Carrell). Der ist seinerseits Funktionär Richard Nixons und bald Berater des Präsidenten, Cheney stolpert hinter ihm her und die Karriereleiter hinauf. Der Mann redet nicht viel, er tut wie er soll, bald hat er im Weißen Haus seine eigene fensterlose Kammer; unter Gerald Ford werden Rumsfeld Verteidigungsminister und Cheney Präsidentenberater.

Lebensabend als Hundezüchter

In milde sarkastischen Sequenzen zeichnet „Vice“ diese Karriere nach, den nicht immer sanften Druck von Lynn, Dicks Herzanfälle. 1989 wird Cheney Verteidigungsminister unter George H.W. Bush, dessen Sohn George W. (Sam Rockwell) kannte er schon als politisch unbedarften Saufbold. Während des ersten Golfkriegs bleibt er im Hintergrund, das mediale Rampenlicht überlässt er Vorzeige-Militärs. 1993 wechselt Cheney in die Wirtschaft. Aus Rücksicht auf seine lesbische Tochter Mary verzichtet er auf eine Präsidentschaftskandidatur. Abspann. Und wenn sie nicht gestorben sind, züchten die Cheneys immer noch Hunde im ländlichen Idyll.

Natürlich geht McKays Film noch weiter. Und es wird deutlich, wie brutal diese filmische, meist im trügerisch-freundlichen Plauderton gehaltene Abrechnung letztlich ist. Christian Bale, der sich für die Rolle bis zur Unkenntlichkeit die Kloss-Figur Cheneys angefressen hat, zeigt den Politiker als fast reglosen, rücksichtslosen Strategen im Hintergrund, der für seine Ziele alles tut und jeden opfert. Als Vize nimmt er dem von den Amtsgeschäften überforderten Bush viele Pflichten, viel Entscheidungsgewalt und Macht ab; seinen Mentor Rumsfeld serviert er eisig ab, als der nach den Debakeln von Afghanistan, im Irak, in Abu Ghraib politisch vergiftet ist.

Grauer Mann mit toten Augen

McKay schneidet immer wieder Archiv-Bilder als kurze Montagen ein. Cheney bereitet sorgfältig alle Papiere vor, aber unterschreiben sollen die Kriegspläne, die Todesurteile, die Folterbefehle bitte andere. Wenn McKay später zur Krisensitzung am 11. September zurückkehrt, ahnt man, dass Cheney nicht zögert, weil ihm die Entscheidung zum Abschuss moralisch schwer fällt. Sondern weil er den Befehl nicht aktenkundig im eigenen Namen geben will.

Cheneys Familie ist ihm wohl heilig. Doch sonst? Bales später Cheney ist ein grauer Mann, mit toten Augen und ohne jeden Skrupel. Doch dieses verstörende Film-Denkmal weist auch in die Jetztzeit: Immer wieder interessiert sich Cheney für die Idee einer „absoluten“ Präsidentschaft, einer Neudefinition des Präsidenten als allmächtigem, von Verfassung oder Strafrecht unbeschränktem Herrscher. Angeblich hat Dick Cheney Staatsrechtler Dokumente verfassen lassen, die diese Präsidentschaftsinterpretation begründen. Und diese Dokumente liegen bis heute irgendwo im Archiv des Weißen Hauses. Immer noch.

#html-widget