Sigourney Weaver in einer Szene von „My Salinger Year“. Mit ihrem Film werden die 70. Internationalen Filmfestspiele eröffnet. 
Foto: Berlinale

BerlinEs sind zwei Zahlen, die Carlo Chatrian, der neue künstlerische Leiter der Berliner Filmfestspiele, nicht müde wird, zu wiederholen. Die kleinere lautet 340 und benennt die Anzahl der Filme, die ab diesem Donnerstag zur 70. Ausgabe der Berlinale in zahlreichen Kinos der Stadt zu sehen sein werden. Das sind rund 60 weniger als in den Jahren zuvor. Eine wiederkehrende Kritik an Chatrians Vorgänger Dieter Kosslick bezog sich ja auf dessen ausufernde Programmplanung und einer daraus resultierenden Orientierungslosigkeit. Die Zahl 340 klingt nicht gerade wie eine Konzentration auf das Wesentliche, aber in symbolpolitischer Hinsicht soll die neue Arithmetik wohl sagen: Wir haben verstanden.

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Die weitaus größere Zahl, die Chatrian und Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek nicht ohne einen gewissen Stolz immer wieder anführen, lautet 330.000. Sie beschreibt das Klassenziel der verkauften Tickets, das die Berlinale eindeutig als Publikumsfestival kennzeichnet und sie schon dadurch von einem bloßen Branchentreffen unterscheidet, auf dem Marktchancen sondiert werden.

Nische Publikumsfestival

Die Filmfestspiele gehören zu den größten regelmäßig stattfindenden europäischen Kulturveranstaltungen. Nur wenige ziehen mehr zahlendes Publikum an, das über einen Zeitraum von zehn Tagen gebunden wird und zugleich das Bedürfnis nach Unterhaltung und ästhetischem Genuss befriedigt und darüber hinaus in der Lage ist, politische Diskussionen auszulösen. Gerade weil Film ein Massenmedium ist, verfügt er über eine gesellschaftliche Relevanz, für die das Festival einen Testlauf darstellt.

In der Warteschlange vorm Filmpalast fühlt sich das natürlich ganz anders an. Zur Berlinale treffen Gelegenheitsbesucher, die glücklich sind, Karten für zwei oder drei Filme ihrer Wahl ergattert zu haben, auf Dauerkonsumenten, die fünf Filme pro Tag auf ihrem Stundenplan eingetragen haben und auch den Ehrgeiz besitzen, ihre Agenda abzuarbeiten. Sie alle eint das seltsame Ritual, mit anderen Menschen in einem abgedunkelten Raum zusammenzukommen, um einer filmischen Erzählung beizuwohnen.

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Das ist erstaunlich genug, denn hinter der künstlichen Aufregung, wer neben wem über den roten Teppich am Potsdamer Platz stolziert, findet die Berlinale zu Zeiten einer handfesten Transformation des Filmgeschäfts statt, das sich nicht allein in Statistiken über einen allgemein rückläufigen Kinobesuch manifestiert. Vielmehr geht es immer dringlicher auch darum, wie und über welche Träger Filme künftig gesehen und verbreitet werden.

Während sich die Cineasten auf der Berlinale einmal mehr in ihrem Habitus feiern, die neuesten Produktionen in gediegener Qualität auf großer Leinwand vorgeführt zu bekommen, sind immer mehr Menschen für den schnellen und oft auch flüchtigen Bildkonsum per Streaming bereit, auf welchen Endgeräten auch immer.

NS-Vergangenheit des ehemaligen Leiters Alfred Bauer

In diesen Zusammenhang gehört auch der Hinweis, dass sich die großen deutschen Regisseure Wim Wenders und Tom Tykwer am Donnerstag noch vor der Eröffnung der Berlinale für eine Spendenaktion starkmachen, mit deren Hilfe versucht werden soll, das älteste deutsche Kino, das Kreuzberger Moviemento, vor dem wirtschaftlichen Aus zu bewahren.

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Für Tom Tykwer ist das weit mehr als eine abstrakte Leidenschaft für das Kino. Im Moviemento begann gewissermaßen seine Filmkarriere, als er dort in den 80er-Jahren Programmleiter und Kartenabreißer in Personalunion war. Man wird in den kommenden Tagen kaum zur Berlinale gehen können, ohne sich dabei dessen bewusst zu werden, dass sich das Kino als öffentlicher Raum, in dem soziale Erfahrungen geteilt werden, auf rasante Weise verändert.

70 Jahre Berlinale sind auch ein Anlass für einen Blick zurück auf die Geschichte des Festivals selbst, das Berlin durch die Nachkriegsjahre, die Teilung und die Wiedervereinigung begleitet hat. Dass diese Erinnerung ganz anders ausfällt, als sich das die Berlinale-Verantwortlichen vorgestellt haben mögen, ist der beharrlichen Recherche eines Privatforschers zu verdanken, der vor einigen Wochen mithilfe der Wochenzeitung Die Zeit zahlreiche Indizien dafür geliefert hat, dass Alfred Bauer, der die Berlinale vom Gründungsjahr 1951 bis 1976 geleitet hat, zuvor in zentraler Position mit der Filmpolitik des NS-Staates betraut war.

Das Verdrängte und Vergessene in Erinnerung rufen

Wer Alfred Bauer war und wofür er verantwortlich war, will die Berlinale nun vom Münchner Institut für Zeitgeschichte erforschen lassen. Man darf auf die Ergebnisse der Historiker gespannt sein. Für die Zeit zwischen den Filmen stellt sich bereits jetzt die Frage, wie es all die Jahre sein konnte, dass man sehr wohl über die biografischen Eckdaten Alfred Bauers informiert war, ohne sich dessen institutioneller Rolle für die ersten Jahrzehnte der Berlinale bewusst zu sein.

Film ist ein Medium der Aufklärung, und es ist gar nicht einmal unwahrscheinlich, dass eines Tages der Vorhang hochgefahren wird für eine filmische Darstellung der Camouflage des Alfred Bauer und seiner Rolle im kulturell aufblühenden West-Berlin. Die Faszination des Kinos besteht ja immer noch darin, dass Vergessene und oft auch Verdrängte in Erinnerung zu rufen und das Gestrige mit dem Heutigen zu verbinden. Aus dieser Perspektive betrachtet, kann das Kino nicht sterben. Es sucht sich nur andere Wege zum Licht.