Berlinale 2020: Baran Rasoulof (l.) nimmt aus dem Händen des Jurypräsidenten Jeremy Irons stellvertretend für ihren Vater Mohamad Rasoulof den  Goldenen Bären für den iranischen „There is no evil“  entgegen. 
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Die Berlinale hatte noch Glück: Obwohl das Corona-Virus im Februar schon in Europa angekommen war, konnten die Filmfestspiele wie gewohnt stattfinden. Danach wurde es für die Kollegen und Konkurrenten schwer: Cannes sollte eigentlich am 12. Mai beginnen, jetzt ist völlig offen, ob das Festival überhaupt stattfinden kann. 

Auch die im September folgenden Termine in Venedig und Toronto wackeln schon – nicht alle Wunschfilme, nicht jede Auswahl konnten vor der Krise fertiggestellt werden, Abstandsregeln und Reisebeschränkungen drohen jeden Festival-Betrieb in diesem Jahr unmöglich zu machen. Doch jetzt zeichnet sich Hilfe ab, von unerwarteter Seite. Am Montag wurde das Youtube-Projekt „We are One – A Global Film Festival“ publik, das vom 29. Mai bis zum 7. Juni Kinofilme zeigen will. Welche genau es sein sollen und wie sie im Netz präsentiert werden, ob für den Zuschauer eine besondere Registrierung nötig sein wird, all das ist noch unklar.

Aber es ist beeindruckend, welche Festivals sich beteiligen wollen: Cannes ist ebenso dabei wie Venedig und Berlin, Toronto, Karlovy Vary, San Sebastian und Sundance, die ganz Großen, aber auch etliche regionale Filmtreffen. Für das Kinojahr 2020 ist das nicht die Rettung, aber für Festivals zumindest eine Gelegenheit, sich als Kuratoren in Erinnerung zu rufen.

„We are One“ wird jedoch auch ein Tabubruch sein: Wer  sonst mantra-artig die Unersetzbarkeit des Kinoerlebnisses beschwört, verliert an Glaubwürdigkeit gegenüber den Streaming-Anbietern. Am härtesten träfe ein Kurswechsel wohl FilmemacherInnen und Indie-Produktionen, für die reguläre Festivals nicht nur nötige Aufmerksamkeit, sondern auch Vertriebsverträge bedeuten. Insofern muss man erst mal abwarten, ob „We are One“ ein neues Geschäftsmodell oder doch ein Sargnagel des Kinos und des Filmfestivalbetriebs wird.