Die letzte Empfängerin des nicht-genderneutralen Silbernen Bären für die beste Darstellerin: Paula Beer bei der Berlinale 2020.
Foto: N. Kubelka / Futur Image

BerlinDie Berlinale-Leitung überraschte am Montag mit der Meldung, vom nächsten Jahr an die wichtigen Schauspielpreise genderneutral vergeben zu wollen. Konkret bedeutet das:  Statt der Auszeichnungen für den Besten Darsteller und die Beste Darstellerin werden künftig ein „Silberner Bär für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle“ und ein „Silberner Bär für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle“ vergeben statt wie bisher für die beste Darstellerin und den besten Darsteller. Preise für Schauspielende sozusagen. „Die Auszeichnungen im Schauspielfach nicht mehr nach Geschlechtern zu trennen, ist ein Signal für ein gendergerechteres Bewusstsein in der Filmbranche“, begründen Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian diese Entscheidung.

Nun will die Berlinale ein politisches Festival sein, und es liegt in der Filmwelt, was Geschlechtergerechtigkeit angeht, ja wirklich vieles im Argen. Zum Beispiel studieren ungefähr genauso viele Frauen Regie an den Filmhochschulen wie Männer, doch dann verschwinden sie, und es drehen am Ende viel mehr Männer Filme. Das wirkt sich aus. In dem Bericht zur Gender-Evaluation, den die Berlinale in diesem Jahr veröffentlichte, sieht man, dass zwar die Zahl der von Frauen realisierten Wettbewerbsfilme seit Jahren kontinuierlich gestiegen ist, aber von Genderneutralität ist man noch weit entfernt.  2020 war das Verhältnis 33 zu 67 Prozent, fast so schlecht wie im Bundestag. Und wehe, jetzt sagt einer, es komme ja auf die Qualität an.

Auch was die Repräsentation von Frauen in Filmen angeht, gibt es wenig Erfreuliches zu berichten, wie mehrere Studien herausfanden: Abgesehen davon, dass Schauspielerinnen oft auf ihr Aussehen reduziert und auf sexistische Art dargestellt werden, sind Männer meist doppelt so häufig zu sehen wie Frauen, haben deutlich mehr Redeanteil und einflussreichere Rollen. Demnach müssten eigentlich künftig mehr Männer den Silbernen Bären erhalten. Doch das wäre politisch nicht korrekt, man kann sich die Diskussionen hinter den Berlinale-Kulissen also schon vorstellen.

Die Berlinale ist möglicherweise das erste große Filmfestival der Welt, das genderneutrale Darstellerpreise einführt, doch eine  wirkliche Revolution wäre etwas anderes: eine Quote, die den Frauenanteil bei der Regie betrifft, vor allem im Wettbewerb. Was wäre das für ein leuchtendes Signal! Noch ist Zeit dafür.