Berlin - Dem Glücksversprechen, das die Anziehungskraft von Berlin ausmacht, folgen heute ganze Heerscharen junger Weltbürger. Filme, die dieser Vision auf extrem unterschiedliche Weise Respekt zollen, laufen entsprechend auch bei der Berlinale immer häufiger im Programm. 2015 war es der Thriller "Viktoria" über eine junge Spanierin in Berlin, der die Kinobesucher nachhaltig begeisterte und sogar einen Silbernen Bären gewann. In diesem Jahr laufen zwar keine Hauptstadt-Geschichten im Wettbewerb, in den anderen Festival-Sektionen dafür aber gleich mehrere.

Die meisten im Panorama: Die größte Spannung bietet wohl der Psychothriller "Berlin Syndrome" der Australierin Cate Shortland mit Teresa Palmer, Max Riemelt und Matthias Habich. Thriller über Psychopathen im Outback kennt man, doch die Australierin Cate Shortland verlegt den Horror nach Berlin. Es geht um die Beziehung zwischen einem Entführer und seinem Opfer. Vorlage war Melanie Joostens gleichnamiger Roman.

Science-Fiction-Underground-Porno

Das feministische Märchen "The Misandrists" von Bruce LaBruce dagegen handelt von der Utopie einer männerlosen Welt. Der kanadische Regisseur, Berlinale-Stammgast und Teddy-Gewinner zeigt sich mit seinem neuesten, in Berlin spielenden Werk sarkastisch, urkomisch und so queer wie nur möglich.

Keine Utopie, sondern eine Dystopie kommt von der in Taiwan geborenen Multimediakünstlerin und Filmemacherin Shu Lea Cheang. Sie hat in Berlin den pornografischen Science-Fiction-Film "Fluido" gedreht, bei dem es um die Macht von Körperflüssigkeiten und um deren Gewinnung geht. In Form einer orgiastischen Oper inszeniert sie einen atemlosen Reigen aus Körpern, Sekreten, Performances und sexuellen Akten, in dem die Grenzen zwischen Geschlecht und sexuellen Identitäten verschwimmen.

Leben im Schatten der Mauer

In der Reihe Panorama Dokumente sind zwei Werke über Berlin zu sehen: Nach dem Publikumshit "B-Movie - Lust and Sound of West Berlin" vor einigen Jahren, gibt es nun erneut eine spannende Zeitreise in diesen Teil der Stadt zu sehen. Mit zum Teil noch unveröffentlichtem Archivmaterial dokumentiert Jochen Hicks "Mein wunderbares West-Berlin" die queere Lebenssituation im damaligen Westteil der Stadt und die Wurzeln jener Faszination, die die Metropole bis heute nicht nur für schwule Männer zum Zufluchtsort macht.

In die Subkultur der Berliner Clubszene entführt uns auch Regisseur Romuald Karmakar, der sich noch einmal den Schauplätzen seiner „Club Land Trilogie" zuwendet: In "Denk ich an Deutschland in der Nacht" lässt er berühmten DJs wie dem Wahl-Berliner Ricardo Villalobos (Berghain/Panorama Bar) bei der Arbeit zuschauen und -hören.

Serien-Fans dürfen sich auf die mit Spannung erwartete Premiere von „4 Blocks“ freuen: In der Miniserie geht es um einen Neuköllner Kiez, der fest in der Hand arabischer Großfamilien ist. Nun muss ein aussteigewilliger Clan-Chef das Ruder übernehmen. Die Mitwirkung echter Clan-Mitglieder verspricht Authentizität in diesem Berlinale Special Series.

Die ZDF-Serie „Der gleiche Himmel“ zeichnet das Porträt einer Gesellschaft inmitten des Kalten Kriegs 1974 in Berlin: Der junge Ost-Berliner Romeo-Agent Lars Weber (Tom Schilling) wird in den Westen der Stadt geschleust. Dort soll er Lauren Faber (Sofia Helin) verführen, um für die Stasi Zugang zu sensiblen Informationen des britischen Geheimdienstes zu ermöglichen. Als die Mission eine unerwartete Wendung nimmt, setzt ihn sein West-Berliner Führungsoffizier Ralf Müller (Ben Becker) kurzerhand auf die NSA-Mitarbeiterin Sabine Cutter (Friederike Becht) an. Eine folgenschwere Entscheidung, wie sich bald herausstellt, denn seine Verbindung zu ihr geht weit über seinen ursprünglichen Auftrag hinaus. 

Auseinanderbrechen einer Großfamilie 

Auch das Berlinale Special "In Zeiten des abnehmenden Lichts" mit Bruno Ganz und Sylvester Groth spielt in Ost-Berlin: Die Literaturverfilmung beleuchtet drei Generationen in der ehemaligen DDR. Regisseur Matti Geschonneck, der sich schon in "Boxhagener Platz" mit Familien aus Ost-Berlin beschäftigte, inszeniert ein Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase (zuletzt im Berlinale Wettbewerb mit Andreas Dresens "Als wir träumten"). Vorlage bildet der preisgekrönte, gleichnamige Montageroman mit autobiografischem Hintergrund von Eugen Ruge aus dem Jahr 2011.

Was wäre die Festivalsektion Perspektive Deutsche Kino ohne eine Berlin-Geschichte? Der für diese Generation exemplarisch stehende Spielfilm "Millennials" ist ein dokumentarisch anmutendes Großstadtmärchen, das die beiden Hauptfiguren Anne Zohra Berrached und Leonel Dietsche bei ihrer „éducation sentimentale“ auf einem Trip durch Berlin begleitet und dabei sowohl ihr Scheitern als auch ihre persönlichen Glücksmomente zeigt. Leo ist Fotograf und möchte mit seinen Fotos endlich Anerkennung finden. Anne ist eine erfolgreiche Regisseurin, wünscht sich ein Kind, hat aber keinen Partner und lässt vorausschauend sicherheitshalber ein paar Eizellen einfrieren.

Schwules Beziehungsdrama aus Berlin

Viele Filme über Beziehungen enden an dem Punkt, an dem sich das Paar glücklich gefunden hat. Für den Berliner Regisseur Chris Miera, der bei der Berlinale 2017 sein Debüt "Ein Weg" zeigt,  beginnen erst in diesem Moment die Geschichten, die ihn interessieren: Welche Kraft bewirkt, dass zwei Menschen von Milliarden sich dazu entscheiden, ihr Leben für lange Zeit miteinander zu teilen? Und wie kommen Paare dazu, sich nach so langer Zeit zu trennen? Mieras Diplom-Film über zwei Großstadt-Schwule im Ostsee-Urlaub geht diesen Fragen behutsam nach.