Yammi! Zum Ende des Wettbewerbs gab es außer Konkurrenz noch eine große Buttercremetorte mit Sahne und einem quietschsüßen Vanilla Latte. „La belle et la bête“ von Christophe Gans ist angetreten, die aktuelle Hollywood-Welle Spezialeffekt-gepimpter Märchen wie „Red Riding Hood“ oder „Snow White and the Huntsmen“ rechts zu überholen – und wie in der Vampirjäger-Version von „Hänsel and Gretel“ hilft auch hier das Studio Babelsberg mit beeindruckenden Settings, Atmosphäre und Stimmung so weit zu übertreiben, bis der ganze Saal lacht.

Die Geschichte ist nicht nur dem Märchenleser bekannt, sondern auch dem Filmfreund aus diversen Verfilmungen: Prägend ist die von Christophe Gans’ Landsmann Jean Cocteau von 1946; treuer an den französischen Literaturfassungen ist die tschechische von Juraj Herz von 1978. Gans beginnt seinen Film als eine Erzählung von Schuld und Schulden. Nach Unglücken mit seinen Handelsschiffen wird die Wohnung des Kaufmanns im Auftrag der Gläubiger ausgeräumt. Behalten will er nur ein Modell des Lieblingsschiffs seiner längst verstorbenen Frau.

Materielle und immaterielle Werte

Hier geht es um materielle und immaterielle Werte, was sich noch eine Zeit lang verfolgen lässt. Nachdem der Vater mit seinen Töchtern und Söhnen aufs Land gezogen ist, scheint sich geschäftlich doch noch alles zum Guten zu wenden; zwei der Töchter freuen sich schon wieder auf die Stadt. Die jüngste namens Belle jedoch bestellt den Garten und sagt, dass in der Stadt wieder jenes Gehetze beginnen würde, das hier so angenehm ausgesetzt sei.

Bei seinem Aufenthalt in der Stadt erfährt der Vater, dass er die Ladung des Schiffs längst verpfändet hat und also nichts bekommt – vermutlich wurde er von einem Finanzberater über den Tisch gezogen. Er erfährt jedoch, dass nicht nur er, sondern auch einer seiner Söhne Schulden hat – und zwar bei einem sehr fiesen Gesellen namens Proculas. Auf seinem Rückweg aufs Land kommt der Vater märchengemäß ins scheinbar verlassene Schloss der Bestie und bekommt Ärger, als er eine Rose vom Strauch schneidet, die sich Belle von ihm als Mitbringsel gewünscht hat: Die Bestie (Vincent Cassel) fragt, warum der Vater ihr „das Wertvollste“ raubt – der Alte darf sich zu Hause von seiner Familie verabschieden, dann muss er wiederkommen und sterben.

Im Illustrationswahn außer Rand und Band

Bis dahin ist das alles schön und gut – oder es stört zumindest nicht, dass jede Landschaft zur Kitschpostkarte überhöht ist. Denn bis hierhin verfolgt der Film ein Thema und verhält sich Cocteau gegenüber sehr eigenständig – den hat das Schuldenthema nicht weiter interessiert. Auch visuell ist das alles üppig, aber noch nicht schlimm überladen. Als Belle jedoch im Schloss ankommt, weil sie sich anstelle des Vaters opfern will, gerät die Sache im Illustrationswahn allmählich außer Rand und Band.

Sinnlos krabbeln abscheulich niedliche Beagle-Karikaturen durch das Schloss, bedeutungsschwanger streifen Glühwürmchen-artige Zauberstrahlen durch die Luft. Belle gelangt an einen Zauberspiegel, der ihr die Geschichte des Schlosses und seines Bewohners erzählt: Da war einmal ein Prinz, der ein goldenes Reh jagte, obwohl seine Geliebte (Yvonne Catterfeld) ihn davon abzuhalten versuchte. Als er es erlegte, verwandelt es sich sterbend in seine Geliebte, die in Wirklichkeit eine Waldnymphe war.

Dass die Verwandlung des Prinzen in die Bestie mit einer Schuld zusammenhängt, bleibt im Film weitgehend abstrakt. Denn Mitleid ist nicht mehr die Triebfeder des Geschehens, sie bliebe als Geste wohl zu klein für einen Film, der in monströsen Bildern schwelgt. Der verschuldete Bruder Belles führt seinen Gläubiger Proculas zum Schloss, dort gibt es ja Reichtümer ohne Ende. Gigantische Statuen erwachen zum Leben, Gewitter rühren den Himmel um. Es geht um nichts mehr, und wenn Belle, bedrängt von Riesenschlingpflanzen, der Bestie sagt, dass sie sie liebe, glaubt das kein Mensch mehr. Dabei würde man der großartigen Léa Seydoux, die sich in diesen Film mehr oder weniger verirrt hat, doch sonst alles glauben!

La belle et la bête(Die Schöne und das Biest) 15. 2.: 12.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast, sowie 22 Uhr, Haus der Berliner Festspiele; 16. 2.: 15 Uhr, Friedrichstadt-Palast. Ab 1. Mai regulär im Kino.