In vielem ist Fruit Chans „The Midnight After“ die perfekte Kinosimulation: Man fährt in einen dunklen Tunnel und kommt völlig verändert wieder heraus. Doch für die Passagiere eines Kleinbusses in Hongkong hat das Abenteuer damit erst begonnen. Nach Verlassen des Tunnels, der aus dem wuseligen Stadtzentrum in die Peripherie führt, sind sie die einzigen Menschen weit und breit. Das schreit nach Erklärung. Sind alle anderen tot? Oder sind wir tot? Die vierte Dimension wäre eine Möglichkeit, doch auch die SARS-Krankheit oder der Reaktorunfall von Fukushima werden durchgespielt in einem quietschbunt ausgemalten Panoptikum Hongkonger Urängste.

Chan (bekannt durch „Dumplings“), der hier einen Internet-Bestseller adaptiert, beschwört die Apokalypse und attackiert sie mit den Mitteln des Hongkong-B-Movies. Horroreffekte treffen auf überdrehten Witz, ökologische Themen auf konsumistischen Unverstand. Konkret muss die wild zusammengewürfelte Truppe – genretypisch kaum mehr als emotionale Füllmasse für den Plot – Moral und Zivilisation neu verhandeln. Was tun, wenn sich scheue Teenie-Emos als nekrophile Vergewaltiger entpuppen? Ist Selbstjustiz legitim, und wer führt sie aus? Bei aller Künstlichkeit blitzen die ganz speziellen Neurosen der Sonderwirtschaftszone hier immer wieder auf.

Vor allem aber gelingt es Chan mit einem Überreichtum an audiovisuellen Einfällen, unsere Hör- und Sehgewohnheiten kräftig durchzurütteln. Es gibt einen wunderschönen Blutregen, und über allem schweben die Zeilen von David Bowies Major Tom: „Here am I sitting in a tin can, far above the world.“ Die Blechbüchse ist der Bus, aber in diesem grandiosen Film fühlt man sich genauso.

The Midnight After 15. 2.: 19.30 Uhr, CinemaxX 7.