Berlinale-Filmtipp „Zentralflughafen THF“ im Panorama

Es ist Sommer in Tempelhof. Drachenflieger tummeln sich auf dem Flugfeld; Jogger, Skater und Radfahrer ziehen ihre Bahnen; der Kleingärtnerverein versammelt sich und die Stadtimker fahren ihre Ernte ein. Berlin blüht auf und genießt die Jahreszeit auf dem Tempelhofer Feld.

Auf der anderen Seite des Zauns sieht der Alltag ganz anders aus. Im Hangar gibt es keine Heimat und an einen unbeschwerten Zeitvertreib können die wenigsten der Geflüchteten denken, die in der Transitzone untergebracht sind. Zwischen Impfterminen, Verpflegung und Amtsbesuchen liegt oft nur eine gähnende Leere.

Im eng mit Wohncontainern – die statt einer Tür nur eine Decke zum Schutz der Privatsphäre haben – zugestellten Hangar ist das Leben oft trist. Ein paar Männer spielen Tischtennis; gehen Joggen oder widmen sich, wie der junge Syrer Ibrahim, ihrem Sprachunterricht. Ein wirklich fröhliches Leben scheint nur den Kindern vorbehalten, die einander mit und ohne Fußball durch den Hangar jagen.

Ein Jahr lang hat Karim Aïnouz hier Impressionen gesammelt. Von denen, die auf dem Feld ihre Freizeit beliebig gestalten und denen, die, im Hangar gestrandet darauf warten, was die Zukunft für sie bereithält. Die Bilder des brasilianischen Regisseurs atmen dabei auch immer den Hauch des Historischen, der den ehemaligen Flughafen umweht.

So erscheint Tempelhof als geschichtsträchtiger konkreter Ort und gleichzeitig als eine Projektionsfläche für die grundverschiedenen Sehnsüchte und Erfahrungshorizonte von Geflüchteten, Touristen und Berlinern.

Was „Zentralflughafen THF“ dabei so reizvoll macht, ist nicht die forcierte Gegenüberstellung der Perspektiven, sondern Aïnouz’ Gabe, sie als ebenbürtig nebeneinander zu stellen. All das konstruiert der Film ohne dabei kulturelle Unterschiede zwischen Geflüchteten und Berlinern aufzeigen zu müssen oder eine falsche Verbundenheit herzustellen.

Der schönste Ausblick der Welt

Man teilt schlicht das gleiche Gelände, egal auf welcher Seite des Zauns man steht. Aus eben dieser wohlbekannten Konstellation ergeben sich scheinbar natürlich die komplexen Kontraste des Films: Zwischen dem monumentalen Bauwerk und der bunten Freizeitfläche, die es umringt; zwischen den schützenden Mechanismen der deutschen Bürokratie und der Freiheit, die sie auch den Geflüchteten nicht ermöglichen kann.

Die suchen Ibrahim und seine Freunde wenn die Sonne in Berlin untergeht. Während die Parkwächter mit routinierter Nonchalance noch die letzten Besucher vom Feld scheuchen, kommen die syrischen Freunde vor dem Hangar zusammen, um eine Shisha zu rauchen.

Kaum glüht die Wasserpfeife, erinnert man sich an die Heimat, blickt zurück nach Syrien, Irak oder Afghanistan. Bis einer aus dem Raucherquartett seinen Blick über das nächtliche Tempelhof schweifen lässt. „Ist das nicht der schönste Ausblick der Welt?“, fragt er in die Runde. Niemand widerspricht. Wenigstens für einen Sommerabend genießen alle die Tempelhofer Freiheit.

„Zentralflughafen THF“ ist noch einmal am Montag (19.2.) um 15 Uhr im Cinestar 3 zu sehen, bevor er am 24. Mai regulär im Kino anläuft.