Eine Insel im Mittelmeer und ihre Bewohner in Zeiten unausgesetzter Flüchtlingsströme: 18 Monate hat der italienische Filmregisseur Gianfranco Rosi auf Lampedusa verbracht, Einheimische begleitet und seine Kamera auf Flüchtlinge gerichtet, von denen einige offensichtlich kein Mitspracherecht mehr ausüben konnten, was die Verwendung ihrer Bilder und Geschichten anging.

Sie waren zu entkräftet oder lagen gar im Sterben, während der Alltag um sie herum weiterging. Ein Radiomoderator nimmt Musikwünsche entgegen; der zwölfjährige Samuele schießt mit der Schleuder auf Riesenkakteen; seine Großmutter bereitet Spaghetti zu, und ein Arzt untersucht Insulaner wie Flüchtlinge.

Während der 66. Berlinale war der Dokumentarfilm „Fuocoammare“ umstritten unter Kritikern, von denen nicht wenige beanstandeten, dass Rosi den Einheimischen ihre Individualität belässt, die Flüchtlingen aber namenlos bleiben, eine Masse.

Wer das behauptet, hat den Blick jenes Flüchtlings nicht wahrgenommen, der wie alle seine Leidensgefährten nach der Ankunft von der Polizei auf Drogen und Waffen untersucht wird: Es ist ein Blick, in dem sich Stolz wie Demütigung gleichermaßen spiegeln. Etabliert sich Individualität vornehmlich im Namen?

Große Geister

Ein Filmfestival, das solche Fragen aufwirft, hat seine Aufgabe erfüllt – schließlich geht es um die Haltung des Regisseurs zu seinem Thema. „Fuocoammare“ (Feuer auf See) wurde am Samstagabend von der Wettbewerbsjury unter Vorsitz der Hollywood-Diva Meryl Streep der Goldene Bär der 66. Berlinale zugesprochen, in einer ausgesprochen schmucklosen Gala, die leicht verstolpert von Anke Engelke moderiert wurde. Meinungsverschiedenheiten über diesen Hauptpreis soll es in der Jury nicht gegeben haben. „Große Geister denken ähnlich“, sagte Meryl Streep; man weiß nicht, ob das ironisch gemeint war.

„Fuocoammare“ ist der erste Dokumentarfilm in der Geschichte der Berlinale, der den Goldenen Bären erhält. Man macht es sich zu leicht, wenn man das als politische Entscheidung abtut oder gar als Kapitulation der Kunstfreiheit vor der Realität.

Denn immerhin entwickelt Gianfranco Rosi gerade aus dem harschen Konflikt von individuellem Benennen und kollektiver Namenlosigkeit, ästhetischer Bildgebung und tagesaktuellem Gegenstand eine schreckliche, aber zutiefst menschliche Erkenntnis: Dass man so wie die Einwohner von Lampedusa zwar Mitleid haben kann mit den „armen Seelen“ der toten oder gerade noch so lebenden Geflüchteten, dass dieses Gefühl aber keineswegs das eigene Leben verändern muss. Lampedusa ist ein so realer wie symbolischer Ort, aber auch einer, an dem Westeuropa sich radikal schützt vor der alltäglichen Katastrophe.

Gianfranco Rosi widmete seinen Film „allen Menschen auf Lampedusa, die ihre Herzen all denen geöffnet haben, die zu ihnen gekommen sind“. Der 51-jährige hat bereits zum zweiten Mal ein A-Filmfestival gewonnen: 2013 erhielt er den Goldenen Löwen von Venedig für „Sacro Gra – Das andere Rom“. Von einer Überraschung kann man im Fall des Goldenen Bären für „Fuocoammare“ nicht sprechen: Dass die Wettbewerbsjury diesen Film schwerlich würde übergehen können, stand schon kurz nach seiner Premiere fest.

Überraschungsfreie Entscheidungen

Dass aber auch die übrigen Preisentscheidungen derart überraschungsfrei ausfallen würden, hatte man dann doch nicht erwartet. Für ihre Darstellung einer in den 1970er-Jahren an der Kommunen-Liberalität fast zerbrechenden Mittvierzigerin wurde die großartige Trine Dyrholm geehrt, wohl auch, weil der Regisseur Thomas Vinterberg in seinem Drama „Kollektivet“ alle Konflikte auf dem Rücken seiner Heldin austrägt. Ein solches Leiden musste belohnt werden.

Unter den Schauspielern triumphierte Majd Mastoura, der im tunesischen Wettbewerbsbeitrag „Inhebbek Hedi“ einen jungen Mann spielt, der sich zunächst aus dem Schatten seiner dominanten Mutter und dann von einer sehr eigenständigen Geliebten lösen muss, um seinen eigenen Weg zu finden. Mastoura widmete seinen Preis „dem tunesischen Volk und den Märtyrern der Revolution“.

Die französische Diva Isabelle Huppert, die ohnehin fast alle Ehrungen der Welt ihr eigen nennen darf, ging also leer aus bei den Darstellerpreisen, nicht aber der Film, den sie trägt: In „L’avenir“ (Die Zukunft) von Mia Hansen-Løve verkörpert sie die Philosophielehrerin Nathalie, die wegen einer Jüngeren von ihrem Mann verlassen und dann auch noch gefeuert wird als Herausgeberin einer renommierten Lehrbuchreihe. Hupperts Nathalie wurde also von der Zeit überholt, weswegen sie den ganzen Film hindurch quasi um ihr Leben rennt, von einem Besuch zum nächsten, dabei aber jede Irritation mit kühlem Intellekt zu meistern sucht.

Das Problem von „L’avenir“ ist die Beiläufigkeit, mit der jedes Bild von Nathalie durch ein anderes, ähnliches überschrieben wird – alle miteinander löschen sich gegenseitig aus, am Ende bleibt fast nichts. Dafür gab es den Silbernen Bären für die beste Regie.

Eine ebenso wenig überzeugende Entscheidung wie der Preis für das beste Drehbuch an den polnischen Wettbewerbsbeitrag „United States of Love“, einem krassen Modellfall von Kunstkino. Geradezu redundant war es, dass Lav Diaz für seinen nahezu achtstündigen Monolithen „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ den Alfred-Bauer-Preis bekam für eine Produktion, die neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet – schließlich tut Diaz schon seit gut 15 Jahren nichts anderes.

Weltkino total

18 Filme konkurrierten im Wettbewerb der 66. Berlinale und ergaben gerade in ihrer Disparität eine vielfältige Gesamtschau vom Weltkino. Leicht ist da zu verschmerzen, dass es keinen überragenden Favoriten gab. Die Bilanz des Berlinale-Chefs Dieter Kosslick fiel jedenfalls erwartungsgemäß positiv aus.

Die Filmfestspiele seien ihrer Tradition als politisches Festival treu geblieben: „Filmemacher setzen sich mit den Geschehnissen und Problematiken unserer Welt auf künstlerische Weise auseinander, eben anders als die Medien“, sagte Kosslick. Es überrasche nicht, dass Filme wie „Fuocoammare“ aktuelle Themen anschnitten und so viel Erfolg bei Publikum und Kritik hätten.

Zudem habe sich die Berlinale für geflüchtete Menschen engagiert. Viele freiwillige Helfer seien der Einladung gefolgt, mit Flüchtlingen in eine Vorführung zu gehen. Stars seien zwar ein wichtiges Element eines Festivals, so Kosslick. Aber die Berlinale habe ihre Verantwortung, als internationales Kultur-Event Probleme anzusprechen, dabei nicht aus den Augen verloren.

Das ist alles richtig, und doch war man zum Abschluss dieser Berlinale nicht so recht glücklich mit der eigenen Erschöpfung nach elf übervollen Festspieltagen. Letztlich sind auch Kritiker nur Kinozuschauer, die hin und wieder eine Atempause brauchen von jedweder politischen Brisanz – einfach, damit sie weitermachen können mit ihrem Leben, so wie die Bewohner von Lampedusa.