Gleich ist der Junge weg: Gepetto (links, Roberto Benigni) und Pinocchio (Federico Ielapi)
Foto: Greta De Lazzaris

BerlinVor ein paar Stunden er noch war er ein renitenter Pinienholzklotz, nun aber hält es Pinocchio nicht mehr in Gepettos Tischlerwerkstatt. Das Draußen ist eine einzige Verlockung. Selbst dem begnadeten Schwätzer Roberto Benigni fehlen die Worte angesichts solch anarchischen Übermuts. Vor 17 Jahren verkörperte er selbst noch den Lausejungen, nun spielt er den sorgenvoll glücklichen Vater. Hätte Toni Servillo, den Matteo Garrone erst als Gepetto besetzen wollte, die gleiche, überschäumende Sentimentalität in die Rolle gelegt? Ein so robuster Mythos wie dieser hält viele Nuancen und Interpretationen aus; demnächst wieder aus Hollywood, unter der Regie von Guillermo del Toro und Robert Zemeckis.

Eine Welt ohne Pinocchio konnte sich schon Italo Calvino nicht vorstellen, es schien ihm, als sei er immer schon da gewesen. Dieses Gefühl ist historisch sogar triftig. Carlo Collidis Buch war gewissermaßen die literarische Vollendung des Risorgimento, eine Fabel im Geist der nationalen Vereinigung, deren pädagogische Ausstrahlung auch auf die Schaffung einer gemeinsamen Sprache für das neu entstandene Italien zielte. Collodi war dessen satirischer Fürsprecher, geißelte die Korruption und andere Kinderkrankheiten des Staates. Dies Element tritt in den meisten Verfilmungen hinter das Märchenhafte zurück; auch in der schönsten von Luigi Comencini.

Garrone beschwört durchaus ein Zeitbild, in seinen prachtvollen Toskana-Veduten nisten Armut, Entbehrung. Dass alles einen Preis hat, ist nicht nur eine sittliche, sondern auch ökonomische Erkenntnis. Collodis Fahrplan zur Menschwerdung gibt er eine sacht moderne Wendung zur Inklusion: Diese Schöpfung bedarf der Nachbesserung nicht, alle Kreaturen besitzen gleiches Bleiberecht, egal, ob Marionette, Tier, Halbwesen oder Mensch.

Grausames Pensum, zweifelhaftes Ende

Mithin sehnt sich Garrones Pinocchio gar nicht so sehr danach, aus Fleisch und Blut zu sein. Er will vielmehr seiner Neugier folgen und vor allem seinen Vater wieder finden. Die Fee mit den blauen Haaren (Marine Vacth) hat kein leichtes Spiel mit ihm! Natürlich bleibt die Geschichte eine Anleitung zum Wohlverhalten. Ungehorsam wird bestraft, Faulheit nicht geduldet, die Lügner-Nase wächst ihm nur einmal, danach hat er die Lektion gelernt.

Den Streit, ob die Vorlage nun ein Kinderbuch oder ein Roman über die Kindheit ist, entscheidet Garrone mit einem klaren sowohl als auch. Den makabren, ja sadistischen Elan, der seinen vorangegangenen Fantasyfilm „Das Märchen der Märchen“ auszeichnet, bezähmt er hier. Gewiss, es ist ein grausames Pensum, das Pinocchio auf seiner Odyssee bewältigt, er wird entführt, erhängt, in einen Esel verwandelt und ertränkt. Aber er ist das Kind, das entkommt. Seiner Erlebnisse ermächtigen ihn. Am Ende traut er sich alles zu: sogar zu arbeiten.