Die Sympathie war unsererseits schon beim Abspann groß für den chinesischen Wettbewerbsbeitrag „Bai Ri Yan Huo“ (Black Coal, Thin Ice). Als aber dieser Film noir am Sonnabend Abend mit dem Goldenen Bären der 64. Berlinale ausgezeichnet wurde, steigerte sie sich zu tiefer Zufriedenheit, und die wuchs dann noch von Minute zu Minute. Wäre unsereins nicht Filmkritikerin, sondern eine Großkatze, dann hätte man ein sattes Brummen vernehmen können.

Nun ist es nicht so, dass der große Favorit im diesjährigen Wettbewerb, „Boyhood“ vom US-Amerikaner Richard Linklater, kein würdiger Goldbär gewesen wäre. Doch mehr noch als erwartbar bestätigt zu werden, schätzt man die herrliche Extravaganz in dieser Entscheidung der internationalen Jury unter Vorsitz von James Schamus. Dass mit dem Hauptpreis der Berliner Festspiele endlich mal ein toller Genre-Film gewürdigt wurde, ist nur recht. Gern wird dieses Kino ja gesellschaftspolitisch als nicht wertvoll genug angesehen für Hauptpreise. Und so zeigte sich der Regisseur Yinan Diao denn auch völlig überwältigt, nämlich sprach- und reglos wegen der gleich zwei Hauptpreise für seinen Film; seinen Schauspieler Fan Liao hat die Jury zudem als Besten Hauptdarsteller geehrt.

Unsereins brummt also behaglich, denn „Black Coal, Thin Ice“ ist nicht nur ein aufschlussreiches Gesellschaftsporträt, sondern dazu ein unterhaltsamer Film. Die Formeln eines traditionellen westlichen Genres wendet er höchst eigen auf die asiatische Umbruchsgesellschaft an: Hier nimmt ein Polizist nach Jahren den ungelösten Fall eines Serienmörders wieder auf, was ihn quasi in die Mitte des Landes führt. In Garküchen, Fabriken, prosperierenden Clubs und einer Reinigung sucht er nach dem Killer, und eine Femme fatale gibt es natürlich auch. Wenn der Polizist ihr eines nebligen Abends auf der Eisbahn hinterherstolpert, erlebt man nicht nur eine berückende Sequenz, sondern ahnt alle Hoffnungen, die sich nur irgend mit der Zukunft verbinden können.

Mit dem Goldenen Bären für „Black Coal, Thin Ice“ wurde auch der insgesamt starke Auftritt des chinesischen Kinos sowohl im Genre als im herkömmlichen Autorenfilm gewürdigt. Wie ungerecht das Imageproblem der Berlinale indes auf die Wahrnehmung so mancher Wettbewerbsbeiträge durchschlägt, konnte man etwa bei „Blind Massage“ von Ye Lou beobachten: Beim Festival Venedig hätten die Kritiker diesem Filmexperiment unter Blinden applaudiert – in Berlin wurde genörgelt. Vielleicht hülfe es der Berlinale ja, etwas Abstand einzulegen zu jenem nicht immer begründet freudlosen Begriff von Weltkino, besonders lateinamerikanischer Prägung, mit dem es die Leute gern quält.

Bei Genre-Versuchen wie „Black Coal, Thin Ice“, dem chinesischen Western „No Man’s Land“ oder der norwegischen Body-Count-Orgie „Kraftidioten“ konnte man jedenfalls spüren, wie der Kinosaal regelrecht durchatmete. – Und die anderen Preisträger? Waren teils, wie Wes Anderson und Alain Resnais, längst abgereist und ließen ihre Trophäen von Vertretern abholen. Natürlich ist das unmöglich– und sagt viel über die Zugkraft der Berlinale. Deren Wettbewerbsjury sich in manchen anderen Entscheidungen ungewollt humoristisch gab: Anders als kurios kann man es kaum finden, den Alfred-Bauer-Preis für einen Film, der neue Perspektiven eröffnet, an ein Theaterstück zu vergeben, das in Theaterkulissen abgefilmt wird, „Aimer, boire et chanter“ von Alain Resnais.