In seinen Memoiren erzählt Marcel Ophüls von Marlene Dietrich, Bertold Brecht, Fritz Kortner, Jeanne Moreau oder auch Jean-Paul Belmondo. Berühmt wurde der Regisseur durch seine Dokumentarfilme über den Prozess gegen den französischen Gestapo-Chef Klaus Barbie, die Kollaboration der Vichy-Franzosen, Kriegskorrespondenten, die Belagerung von Sarajevo. Marcel Ophüls, 1927 in Frankfurt am Main geboren, als sogenannter Halbjude 1933 vertrieben, heute 87 Jahre alt und in Paris lebend, ist einer der wichtigsten Regisseure der Gegenwart. Er hat sich den Tätern gestellt, so wie Claude Lanzmann, einst Freund und heute Antipode, den Opfern. Jetzt sind Marcel Ophüls’ Memoiren auf Deutsch erschienen, und er wurde mit einer Berlinale-Kamera geehrt.

Herr Ophüls, Sie sind hier in Berlin für Ihr Lebenswerk geehrt worden. Berührt Sie diese Ehrung in Deutschland besonders?

Es stimmt zunächst einmal melancholisch, denn eine solche Ehrung heißt ja, dass das Lebenswerk vorbei ist – was vermutlich auch weitgehend stimmt. Obwohl ich gerade an einem neuen Film arbeite.

Man hat bei Ihrer Art der Arbeit mit der Kamera den Eindruck, Sie nehmen sich viel Zeit, damit Ihre Protagonisten die Kamera vergessen…

… ich glaube nicht daran, dass die Leute die Kamera vergessen. Es gibt Kollegen wie zum Beispiel Frederick Wiseman, die ernsthaft davon überzeugt sind, dass man so arbeiten kann, dass die Leute sie vergessen. In der Hinsicht ist vieles leichter geworden, weil überall im Leben Kameras auftauchen. Ganz abgesehen von den Überwachungskameras. Sie sind überall, sie beeindrucken nicht mehr. Zu meiner Zeit war eine Kamera etwas, das nicht nur beeindruckend war, sondern sogar als Waffe empfunden wurde. Eine Autorität. Es ging also darum, so mit den Leuten umzugehen, dass die sich trotz der Kamera- Anwesenheit wohl fühlten.

Wie tritt man Menschen wie Klaus Barbie oder Albert Speer gegenüber, die einen vor 1945 ermordet hätten?

Wenn man in so einen Tunnel hineingeht, versucht man, solche persönlichen Gefühle zu vergessen. Oder so zu tun, als würden sie nie aufkommen. Speer war mitverantwortlich für tausende Opfer. Er war ein sehr charmanter Mann, mit dem man gut und teils auch lustig Gespräche führen konnte. Ich habe mir vielleicht durch eine Mischung aus Leichtsinn und Abenteuerlust eine Art dicke Haut angeschafft.

Sie haben sehr verschiedene Kategorien von Mördern getroffen: Schreibtischtäter und Soldaten.

Es ist mir natürlich nicht so gemütlich zu denken, dass ich in dieser Hinsicht ein Spezialist geworden bin: Mörder aufzusuchen und vor die Kamera zu stellen. Ich fühle mich nicht wohl in der Rolle eines Polizisten und schon gar nicht in der Rolle eines Richters. Ich bin halt jemand, der sich mit dem Zeitgeschehen auseinandergesetzt hat. Aber ich hatte mir nicht von vornherein vorgenommen, dass ich mein Leben lang den Leuten ins Gewissen schaue und sie entlarve.

Hat sich Ihre Arbeit über die Jahrzehnte sehr verändert?

Das wirklich Neue sind das Internet und der persönliche Computer. Das hat auch das Kino wahnsinnig verändert. Wir haben kaum noch Zeit, Informationen zu verarbeiten. Es gibt eine Inflation der Bilder, das Einzelne ist weniger wert – das macht die Arbeit der Dokumentarfilmer schwerer. Beim Bundesarchiv in Koblenz hat man mir bereits in den 1970er-Jahren gesagt: „Ach, Herr Ophüls, Sie können sich ja gar nicht vorstellen: 90 Prozent von dem, was wir haben, liegt unten durcheinander im Keller. Das ist noch nicht mal indexiert; wir haben keine Zeit gehabt, das auch nur anzusehen.“ Heute ist es noch mehr. Ich glaube aber nicht, dass das alles nutzlos ist. Nehmen wir das Material zum Mord an den Juden: Wenn man sieht, wie öffentlich das war und wie öffentlich die Sonderkommandos gearbeitet haben, dann versteht man, dass der Gedanke, die Deutschen hätten von all dem nichts gewusst, ein völliger Wahnsinn ist. Die konnten nicht nichts gewusst haben. Wenn uns das Material dies klar macht, hilft es dann beim Leben, dass wir es wissen? Eigentlich nicht. Es ist eine grauenhafte Vorstellung.

Sie haben Ihre Autobiographie „Meines Vaters Sohn“ genannt. Warum?

Wenn ich nicht thematisieren würde, dass ich auch der Sohn des berühmten Regisseurs Max Ophüls bin, würden es die anderen für mich tun. Außerdem gibt es keinen Grund, mich dafür zu entschuldigen oder damit unzufrieden zu sein. Diesen Vater gehabt zu haben, als Lehrmeister, aber vor allem als Freund, ist ein unglaubliches Privileg.

Kurz nach dem Tod Ihres Vaters Ende der 1950er trat eine wichtige neue Kino-Bewegung an unter dem Motto „Papas Kino ist tot“...

Bei „Papas Kino ist tot“ war meine Reaktion ganz einfach: Nein, meines Papas Kino ist nicht tot! Was natürlich nicht ganz stimmte. Denn die Nouvelle Vague und das Neue Deutsche Kino lagen ja richtig: Vieles war versteift; es galt, frische Luft reinzulassen. Man hat bestimmt auch den Gegner künstlich groß gemacht.

Ist das deutsche Kino und unser Verhältnis zum Kino an sich nach wie vor durch die Erfahrung des „Dritten Reichs“ geschädigt?

Zunächst hat das „Dritte Reich“ natürlich die Tradition zerstört, indem es Künstler wie meinen Vater, Fritz Lang, Robert Siodmak, Billy Wilder und viele andere vertrieben hat – das ist ja evident. Seit die Nazis das Kino zur Propagandamaschine aufbauten, nimmt man die Filmkunst in Deutschland weniger ernst als andere Künste. Kino ist nicht hoffähig. Allerdings war das auch vor dem Krieg teilweise unter den Künstlern der Fall. – Es stimmt jedenfalls, dass die Cinephilie in Frankreich erfunden wurde. Die Idee, dass man über Film eine ganze Weltkultur entdecken kann.

Nehmen Sie das Kino ernst? Kann das Kino die Welt verändern?

Ich weiß nicht, ob es pathetisch ist oder nicht: Ich glaube nicht, dass Kino die Welt verändern kann. Die Frage stellt sich aber immer. Einzelne Filme, wenn sie zur rechten Zeit kommen, können viel auslösen. Wenn wir einen Film wie „Das Haus nebenan“ nicht gemacht hätten, wären andere gekommen. Die Ereignisse um „Charlie Hebdo“ zeigen, was engagierte Kunst auslösen kann. Aber als Franzose und überhaupt als Mensch unserer Zeit freue ich mich wahnsinnig über diese vier Millionen Menschen, die deswegen vor einem Monat auf die Straße gegangen sind. Das war eine wunderschöne und sehr notwendige Reaktion. Es ist schrecklich, aber ohne die vier Millionen wäre es noch viel schrecklicher.

Interview: Rüdiger Suchsland