Das K-Wort in diesen Tagen

Es ist an der Zeit, mit der Legende aufzuräumen, man bekäme keine Karten für die Berlinale. Mittags sind die Kassen-Schlangen am Potsdamer Platz überschaubar.

Berlin-Mag die fünfte Jahreszeit in bestimmten Regionen dieses Landes Menschen dazu verführen, sich in ulkige Sachen zu zwängen und viel Alkohol zu trinken. In Berlin treibt sie Teile der Bevölkerung in die Filmtheater, die dann nicht einmal Popcorn oder Cola verkaufen. Diese Tage versprechen auf die eine wie andere Weise große Gemeinschaftserlebnisse. Beim Karneval und im Kino gibt es eine Menge zu sehen. Stars werden hier wie da bejubelt.

In den Potsdamer-Platz-Arcaden am Mittwochmittag.
In den Potsdamer-Platz-Arcaden am Mittwochmittag.Cornelia Geißler

Ich persönlich, aber das hat eben nicht nur mit kultureller, sondern auch mit regionaler Verbundenheit zu tun, fühle mich unter Kinogängern wohler als unter Karnevalisten: Sie schunkeln nicht, singen keine komischen Lieder und brüllen nur selten mal Buh. Vor dem Kino geht’s zur Kasse, um die Karten zu kaufen.

Warum heißt der letzte Tag Publikumstag?

Es gibt sie für die nächsten drei Tage, außerdem zu allen Vorstellungen im Friedrichstadt-Palast und für den 1. März, wenn die Bären bereits verteilt sind. Dass der Sonntag nach der Preisverleihung „Publikumstag“ heißt, stimmt mich immer ein bisschen traurig. Zwar kosten die Karten weniger als sonst, 10 statt 13 Euro. Es ist aber der Restetag, an dem kaum noch Publikumsgespräche stattfinden, weil die meisten Filmemacher und alle Stars schon abgereist sind. Man sollte ihn ehrlich „Kehraus“ nennen.

Weil die Berlinale-Leidenschaft der Berliner legendär ist, berichten  Journalisten über die Kassenschlangen. So machen wir uns mitverantwortlich für eines der großen Missverständnisse über die Berlinale: dass man keine Karten bekäme.

Eine mir persönlich sehr nahestehende Person kam am Dienstagnachmittag mit einer Papierschlange vom Potsdamer Platz zurück, die aus Tickets für mehrere Tage bestand. Sie hat das Weihnachtsgeld der Großeltern eingetauscht, um einen Teil der Semesterferien in dunklen Sälen zu verbringen. Ermäßigungen für Studenten gibt es leider nur an den Tageskassen, aber reicht deren Kontingent? Wer Geld sparen will, schaut nur Filme aus der Kinder- und Jugend-Sektion Generation, die Karten kosten alle 5 Euro.

Verlängert die Mittagspausen für Filmfreunde!

Am Mittwochmittag habe ich noch ein paar Karten hinzugekauft, nach zehn Minuten Anstehen. In der Zeit konnte ich Kamerateams vom RBB und von Welt TV beim Versuch beobachten, möglichst viele der spärlichen Kartenkäufer zugleich in den Blick und vors Mikrofon zu bekommen. Klar, dies ist eine für Berufstätige ungünstige Zeit. Arbeitgeber in Berlin könnten den Cineasten in ihrer Belegschaft in diesen Tagen ruhig etwas entgegenkommen, um ihnen den Kartenkauf zu erleichtern, etwa durch Kultur-Mittagspausen. Vielleicht sollten sich Betriebsräte da ein paar Tipps aus Köln und anderen Karnevalsstädten geben lassen.