Nahuel Pérez Biscayart (links) und Lars Eidinger in „Persischstunden“.
Foto: Hype Film

BerlinDie Geschichte klingt erfunden, aber sie soll einen wahren Hintergrund haben. Ein Jude, der vorgibt, Persisch zu können, gerät an einen Nazi, der davon träumt, diese Sprache zu sprechen.  Nach  der Pressevorführung von „Persischstunden“ wird applaudiert. Am Sonnabendnachmittag erlebte der Film seine Uraufführung im Berlinale-Palast.

Ich bin kein Jude, ich bin Perser, sagt der Belgier Gilles, der seine Erschießung überlebt hat. Das ist seine Rettung. Er entgeht einer erneuten Kugel, wird ins Konzentrationslager verbracht, weil dort der SS-Hauptsturmführer Klaus Koch eine Belohnung ausgesetzt hat für denjenigen, der ihm einen Perser heranschafft. Koch will Farsi lernen, um nach dem Krieg in Teheran ein Restaurant zu eröffnen.

Der Lehrer spricht die Sprache nicht

Gilles lehrt ihn die Sprache, von der er selbst kein Wort kennt. Schon eines der ersten Worte, „radz“ für Brot, wird Gilles fast zum Verhängnis. Die russisch-deutsch-belarussische Koproduktion „Persischstunden“ in der Berlinale Special Gala zählt zu den ersten Höhepunkten des Programms.

Lars Eidinger interpretiert diesen Klaus Koch hervorragend, weil er nicht nur die schmale Bandbreite zu nutzen versteht, die deutsche Schauspieler zur Verfügung haben, wenn sie Nazis spielen müssen. Er reizt sie mit leisen und mit schrillen Tönen aus, bis hin zur wahrhaft teuflischen Fratze.

Aber er gibt diesem Mann auch eine Menschlichkeit, und zwar immer dann, wenn es dem um die Sprache geht, die er zu begreifen sucht. Dabei agiert er fast schüchtern, dann ehrgeizig, bald stolz auf seine Erfolge. Einmal konfrontiert der Lagerkommandant Koch mit dem Gerücht, er würde sich den Häftling als Liebhaber halten. Da grinst er nur sein Eidinger’sches Überlegenheitsgrinsen. Mit Liebe hat seine Leidenschaft schon zu tun, aber das kann der Kommandant nicht verstehen.

Nahuel Pérez Biscayart spielt einen ängstlichen Mann, von Leid gezeichnet, aber zäh und klug.
Foto: Hype Film

Den falschen Perser spielt der Argentinier Nahuel Pérez Biscayart als ängstlichen Mann, von Leid gezeichnet, aber zäh und klug: Er muss nicht nur einzelne Worte, sondern auch Konversation erfinden. Ihn quält, dass er im KZ in der Küche arbeiten darf und abends beim Funktionär in der Schreibstube sitzt, während andere im Steinbruch zugrundegehen.

Ein Film zum Lachen und Weinen

„Nach einer wahren Geschichte“, steht im Vorspann von „Persischstunden“. Gehört hatte sie vor langer Zeit der deutsche Schriftsteller und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, er verwandelte sie in seine Erzählung „Erfindung einer Sprache“, die zuerst 1977 in seinem Band „Silvester mit Balzac“ bei Aufbau in der DDR erschien.

Erst jetzt ist ein großer Film daraus geworden, durch den Regisseur Vadim Perelman, als Jude in Kiew geboren, in Westeuropa in Armut aufgewachsen, heute in Kanada und den USA lebend. Perelmann geht furchtlos mit diesem Stoff um, der vor dem Hintergrund des Vernichtungsfeldzugs Nazideutschlands gegen die Juden von der sinnstiftenden Wirkung von Kultur handelt.

Lachen und Weinen bewirkt sein Film, er zeigt minutiös inszenierte komische Situationen und Momente, die das Herz krampfen lassen. Perelman arbeitet mit dem Kontrast zwischen unschuldiger Natur und der Vernichtung durch Arbeit, einer der Tötungsmethoden in den Konzentrationslagern. Am Ende lässt der Regisseur das Denken und die Kunst siegen. Denn Gilles, der falsche Perser, wird Zeugnis ablegen von den Verbrechen.