Zu Beginn turnen zwei Affen über die Mauern von Gibraltar. Die beiden Makaken klettern die Fassaden entlang, balancieren auf Festungszinnen, streunen auf einem Parkplatz herum. Wir sehen Tiere, die ihren Affenfelsen verlassen haben und sich im Habitat der Menschen bewegen, als sei es ihre artgerechte Umgebung. Wolfgang Fischer eröffnet seinen Film mit einem starken Bild. Am Rand von Europa ist die Welt aus den Fugen.

Dann ein Crash an einer nächtlichen Kreuzung, irgendwo in Deutschland. Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen treffen ein, alles klappt wie am Schnürchen. Die Kamera folgt der Choreografie der Bergungsarbeiten aus der Vogelperspektive. Mit Effizienz und Ruhe tun Dutzende Fachleute, was zu tun ist, mit ihnen die Notärztin Rike (Susanne Wolff). Ihre Berufung ist es, Leben zu retten. Und das unter allen Umständen.

Extremsituation ist der Normalfall

Mit „Styx“ hat sich der 1970 in Österreich geborene Fischer allerhand vorgenommen, wie allein der mythologisch motivierte Titel erahnen lässt. In der Sage markiert der Fluss Styx die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich. Im Film erweitert sich dieser Bereich auf den Atlantik. Es könnte aber auch das Mittelmeer sein oder die Timorsee. Überall, wo sich Menschen auf der Flucht vor Krieg und Armut dem Wasser ausliefern, kommen sie dort auch um. Zu Tausenden, jedes Jahr.

Wolfgang Fischer schafft für seinen Film eine Extremsituation, die im Grunde der Normalfall ist. Wie soll man angemessen reagieren, wenn einem Geflüchtete nicht nur als statistische Größe in den Nachrichten begegnen, sondern ganz real als Menschen in Not?

Ein phänomenales Solo

Die Notärztin Rike ist im Urlaub mit ihrer Segeljacht allein auf dem Atlantik unterwegs, ihr Ziel ist die Insel Ascension am südlichen Ende der Welt. Die Handgriffe an Bord erledigt sie so souverän wie alles in ihrem Leben. Sie hat sich und das Boot in jedem Moment unter Kontrolle.

Susanne Wolff gibt in dem Film ein phänomenales Solo. Fast zwei Stunden lang, fast ausschließlich auf der elf Meter langen Jacht, fast ohne Worte. Größtenteils auf dem offenen Meer gedreht, spielt sie die Alleinseglerin mit einer ungeheuren physischen Intensität und verleiht dem Bordgeschehen eine thrillerartige Spannung, wie sie das Genre des Segelfilms verlangt.

Als Rike nach einem schweren Sturm auf ein havariertes Flüchtlingsboot trifft, reagiert sie so, wie sie es gelernt hat, strukturiert und mit professioneller Distanz. Doch bald muss sie erfahren, dass sie die Hilfe, die sie geben möchte, nicht leisten kann. Nicht leisten darf. Menschlichkeit, wie sie sie versteht, wäre ein Verstoß gegen die Regeln der Küstenwache. Als ein Flüchtlingsjunge (Gdion Odur Wekesa) an Bord kommt, spitzt sich die Situation zu.

Styx 17.02., 10 Uhr CinemaxX 7, 18.02., 14.30 Uhr Cubix 9, 19.02., 21.30 Uhr, CineStar IMAX, 25.02., 21. 30 Uhr, Zoo Palast 1