Albtraumwandlerin: Sandra Hüller in dem Mystery-Thriller „Schlaf“ von Michael Venus 
Foto: Marius von Felbert/Junafilm

Berlin - Den üblichen Vorwurf nahm Linda Söffker gleich vorweg: Dass der deutsche Nachwuchsfilm „eingesperrt“ sei in der Berlinale-Sektion Perspektive, sagte die Leiterin des Nachwuchswettbewerbs in der Einführung vor Journalisten, bekomme sie immer wieder zu hören. Tatsächlich verirrt sich die internationale Presse selten in diese Reihe, was Söffker eingestehen ließ, sie würde es etwa in Cannes, würden da in einer dunklen Ecke nur junge französische Filme geboten, nicht anders machen. 

Da wollte man glatt Einspruch erheben, natürlich ginge man da hin! Es ist ja auch nicht Schuld der Perspektive, dass dem deutschen Film die Zugkraft fehlt. Im Gegenteil wurden dort über die Jahre immer wieder frische und experimentierfreudige Debüts geboten, die dann aber – das ist das Dilemma – an anderer Stelle fehlten. Was   tun?

Nach bisher nicht gekannten Absprachen mit der neuen Leitung habe man sich darauf geeinigt, dieses Jahr als Übergangsjahr zu betrachten. Für insgesamt nur acht Filme gehe es darum, für „Aufmerksamkeit im Inland“ zu sorgen, mit großen Premieren im Kino International. Kleineren hingegen die große Bühne zu ersparen. Das klingt   ganz nach dem Sound von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die aus lauter Mitleid mit noch irgendwie unfertiger Filmkunst gleich noch eine Sektion aus der Taufe gehoben haben, den Zweitwettbewerb Encounters. Die üblichen Verteilungskämpfe, so darf man das alles deuten, stehen unter neuen Vorzeichen.

Jannis Niewöhner schlägt sich in dem Sozialdrama „Kids Run“ als Boxer durch.
Foto: Falko Lachmund/Flare Film

Dem Eröffnungsfilm „Kids Run“ wurde die große Bühne offenbar zugetraut, und ganz falsch lag man damit nicht. Barbara Otts Familiendrama hat immerhin Jannis Niewöhner zu bieten. Mit stumpfer Wucht spielt der Jungstar einen Gelegenheitsarbeiter, der sich aus Liebe zu seinen Kindern auch als Boxer durchschlägt. Es ist ein bitteres Sozialdrama vom untersten Rand der Gesellschaft, von hoher körperlicher Intensität, mit seiner derben Sprache etwas kolportagehaft.

Feiner gestrickt, aber nicht minder blutig: der Mystery-Thriller „Schlaf“ von Michael Venus. Sandra Hüller verfällt hier in Albträume und schließlich in einen katatonischen Stupor. Die Tochter spürt den „eskalierenden Träumen“ der Mutter nach und stößt auf ein idyllisches Ferienhotel, das sich als Hort des wahren Bösen entpuppt. Venus’ Film ist wohl hauptverantwortlich für das Sektionsmotto „Heimatfilm und Heimathorror“, und tatsächlich sorgt die Mischung aus „Shining“ und deutscher Märchenromantik für starke Momente.

Ein paar mehr davon hätte man sich in Eliza Petkovas „Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt“ gewünscht, der Geschichte einer innerhäuslichen Ménage-à-trois zwischen Sohn, Vater und dessen neuer Geliebter. Der DFFB-Film, ganz der nüchternen Ästhetik der Berliner Schule verpflichtet, findet lediglich gegen Schluss – und vor allem dank der absurden Psychologie des Ganzen – zu ein paar   Überraschungen.

„Walchensee Forever“ verfolgt Janna Ji Wonders die Lebensreise ihrer Mutter
Foto Flare Film

Sechs der acht Filme stammen von Frauen. Um „ein starkes dokumentarisches Jahr“ abzubilden, so die Leiterin, sind zudem vier der acht Plätze mit Dokumentarfilmen besetzt. Wobei „Walchensee Forever“ den Anteil weiblicher Figuren kräftig in die Höhe schraubt: In ihrem grandiosen Familienporträt über mehrere Generationen verfolgt Janna Ji Wonders die Lebensreise von Frauke und Anna Werner – letztere ist die Mutter der Filmemacherin – vom heimischen Bayern über den „Summer of Love“ in San Francisco und Mexiko, wo sie als bayerische Musikgruppe auftreten, bis in den berühmten „Harem“ von Ex-Kommunarde Rainer Langhans. Im Zentrum steht jedoch jederzeit die am Ende des Films 105-jährige Oma Norma, die das Treiben ihrer 1968er-Töchter stoisch registriert. Wonders’ Film wurde gerade mit dem Bayerischen Filmpreis geehrt.

Etwas flach geraten ist hingegen die potenziell spannende Industriereportage „Automotive“ von Jonas Heldt, über zwei Mitarbeiterinnen der Audi-Autoproduktion in Ingolstadt. Über die auseinanderklaffende Lohnschere und die Digitalisierung von Arbeitsprozessen hat vielleicht Sahra Wagenknecht mehr zu sagen. Sandra Kaudelkas mit Spannung erwartetes Porträt der Linken-Politikerin wird erst am Donnerstag gezeigt. Am Mittwoch hingegen läuft erstmals Natalija Yekimkinas „Garagenvolk“ – eine offenbar herzliche surreale Studie russischer Männer und Frauen, die sich in verrosteten Garagenfeldern fernab der Metropolen ein kleines Paradies aufgebaut haben. Davon ist die Perspektive mit diesem nicht schwachen, aber durchwachsenen Jahrgang ein Stück weit entfernt.