Vor rund 50 Jahren wurde in ganz Europa das männliche Monopol des Filmemachens in Frage gestellt. Zwar hatte es bereits vorher Filme von Frauen gegeben, doch blieben diese Regisseurinnen noch Einzelgängerinnen. Erst Ende der Sechziger begann sich grundlegend etwas zu ändern. Dieser Paradigmenwechsel vollzog sich mitten im Kalten Krieg auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, auch in beiden Teilen Deutschlands. Es ist von großem Reiz, sich diese Parallelgeschichte etwas genauer anzuschauen.

Unter dem Titel „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“ gibt die diesjährige Retrospektive dazu Gelegenheit. Erstmals sind knapp 30 abendfüllende und 21 kurze Filme aus der Bundesrepublik, der DDR sowie aus der gesamtdeutschen Dekade nach dem Mauerfall nebeneinander in einem Programm zu sehen.

Es laufen Arbeiten von fast allen wichtigen Regisseurinnen, bekannte Namen und Titel wie die von Margarethe von Trotta („Die bleierne Zeit“, BRD 1981), Evelyn Schmidt („Das Fahrrad“, DDR 1982) oder Angela Schanelec („Das Glück meiner Schwester“ 1995) stehen neben wiederzuentdeckenden Filmen wie Claudia von Alemanns „Die Reise nach Lyon“ (BRD 1980) oder „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann“ von Helke Misselwitz (DDR 1989).

Im magischen Jahr 1968 und kurz danach vollzog sich auch im weiblichen Filmemachen Deutschlands der Wendepunkt: Plötzlich wurde etwas sichtbar, was sich schon lange angebahnt hatte. Zwei Beispiele aus beiden Teilen Deutschlands machen dies deutlich. Im Januar 1968 kam in München ein Film zur Premiere, auf den die Wirtschaftswunder-Republik gewartet zu haben schien.

„Zur Sache, Schätzchen“ der damals gerade 27-jährigen May Spils mobilisierte insgesamt fast sieben Millionen Zuschauer, vielleicht auch angelockt durch den erotisch verheißungsvollen Titel, auf jeden Fall aber durch seine frische Machart. Flockig, flott und etwas frivol inszeniert, ohne thesenhaften politischen Ehrgeiz und mit ganz leichten Anleihen an Godards „Außer Atem“ (1959) versprach der Film den Anschluss an Paris, London oder gar New York. Der endgültige Abschied von der miefigen Adenauer-Ära war angesagt.

Bei der Defa spielte das Jahr 1968 ebenfalls eine wichtige Rolle: Zum ersten Mal überhaupt konnte damals eine Frau einen abendfüllenden Spielfilm für ein erwachsenes Publikum fertigstellen. Ingrid Reschkes programmatisch betiteltes Debüt „Wir lassen uns scheiden“ läuft zwar jetzt nicht in der Retro, wohl aber ihr zwei Jahre später entstandener „Kennen Sie Urban?“ – der auch der bessere Film ist. In Zusammenarbeit mit dem damals kurz vor dem Durchbruch stehenden Dramatiker Ulrich Plenzdorf („Die neuen Leiden des jungen W.“) hatte sie einen ungewöhnlichen Stoff um einen völlig „untypischen“ DDR-Jugendlichen entwickelt.

Frisch aus dem Knast entlassen, macht sich dieser auf die Suche nach einem Freund: dem mysteriösen Urban. Während seiner Reise durch das kleine Land frequentiert er mehrere Großbaustellen, durchläuft dabei einen Reifungsprozess, ohne Urban dafür noch zu benötigen.

Parallel zu den Dreharbeiten und auch danach musste Reschke (1936–1971) immer wieder Eingriffe in ihren Stoff und dessen Umsetzung erdulden, so dass heute unklar bleiben muss, wie weit entfernt der fertige Film sich von ihren eigentlichen Intentionen bewegt. Er ist eher ein Torso, zeugt aber auf tragische Weise vom stilistischem Ehrgeiz einer Regisseurin, die danach keinen weiteren Film mehr realisieren konnte. Während der Vorbereitungen zu ihrem nächsten Projekt kam sie bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Sie soll wegen des harschen Umgangs mit ihrem Film durch die Kulturbürokratie nervlich völlig am Ende gewesen sein.

Die Arbeiten von Reschke und Spils nun nebeneinander wahrnehmen zu können, ist erhellend. Beides sind Filme von Frauen über Männer, im Westen als populärer, mit Genre-Mustern spielender Befreiungsschlag inszeniert, im Osten bestimmt von taktischen Manövern, um den engen Maßgaben doch noch künstlerische Originalität abzutrotzen. Natürlich wurde damals weder Reschkes Film im Westen noch der von Spils im Osten gezeigt. Die Zusammenführung findet erst jetzt im Rahmen der Retrospektive statt.

Selbstbestimmung in der DDR?

In den nun hergestellten Konstellationen offenbaren sich gleichzeitig die Stärken wie Schwächen von „Selbstbestimmt“. Vielleicht ist der historische Rahmen auch einfach zu weit gezogen. Er umspannt die Zeit von 1968 bis 1999, also mehr als 30 Jahre, erstreckt sich dabei auf zwei Kapitel deutscher Filmgeschichte, die weltpolitisch bedingt nahezu isoliert voneinander abliefen. In diesem Zusammenhang wird auch der Titel des Rückblicks problematisch. Von Selbstbestimmung konnte ja in der DDR nicht so recht die Rede sein.

Dies zeigt am besten einer der gezeigten Filme. Für die Dreharbeiten von „Verriegelte Zeit“ machte sich Sibylle Schönemann unmittelbar nach dem Mauerfall auf den Weg in die gerade noch existierende DDR, um dort nach Spuren zu suchen und Männer und Frauen zur Rede zu stellen, denen sie Jahre zuvor hilflos ausgeliefert war: im Defa-Studio für Spielfilme, vor Gericht und im Gefängnis. 1984 war sie verhaftet worden, nachdem sie mit ihrem Mann Hannes Schönemann einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Ihre Kinder konnten sie erst ein Jahr später nach dem Freikauf durch die Bundesrepublik wiedersehen. So sah das „Selbstbestimmung“ in der DDR aus.

Maskuliner Machtapparat

Noch stehen die Filme aus der BRD und DDR eher nebeneinander, als dass sie miteinander korrespondieren würden. Die aktuelle Bestandsaufnahme sollte deshalb als Plattform gesehen werden, von der aus sich nun weitere Entdeckungen und vor allem Kontextualisierungen machen lassen. Zwei Publikationen und eine DVD-Anthologie liefern dafür auch konkrete Anhaltspunkte. Es hat ewig gedauert, bis Frauen überhaupt im noch immer maskulin dominierten Machtapparat namens Kino ihre eigenen Stimmen einbringen konnten. Nachdem ihnen das endlich gelungen war, sahen sie sich dann auch noch allzu oft von der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion ausgeschlossen. Filmgeschichtsschreibung kann da einiges zurechtrücken, kann zu Unrecht Vergessenes zurückholen und damit gegenwärtig machen. Mehr kann man sich kaum wünschen.

Begleitmaterial zur Retrospektive: „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“ Deutsche Kinemathek (Hg.) Verlag Bertz + Fischer, 25 Euro, dazu 2 DVD, absolut Medien, 19.90 Euro; „Sie. Regisseurinnen der Defa und ihre Filme“ Cornelia Klauß, Ralf Schenk (Hg.), Verlag Bertz + Fischer, 416 Seiten, 29 EUR