Die Theaterautorin Lisa (Nina Hoss) und ihr Zwillingsbruder Sven (Lars Eidinger), ein genialischer Schauspieler aus Berlin.
Foto: Vega Film

Verwandtschaft hilft in diesem Fall nicht. Die Stammzellenspende der Schwester wird vom Körper des Bruders nicht angenommen. Die Immunsuppressiva ändern daran nichts, der Bruder, Mitte Vierzig wie seine um zwei Minuten jüngere Schwester, wird sterben, das sehen alle, außer dem Geschwisterpaar selbst.

„Schwesterlein“, ein Drama der beiden Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, erzählt die Liebesgeschichte zwischen Bruder und Schwester aus der Perspektive der Schwester. Sie ist es, die sich um ihn kümmert, niemand sonst – der Bruder inbegriffen. Denn auf die Diagnose reagiert er die längste Zeit mit Leugnung und mit dem kindlichen Wunderglauben, wenn er die Krankheit ignoriere, ignoriere sie auch ihn. Er ist Schauspieler, er füllt sein Theater auch bei der 357. Vorstellung eines Stückes, das an der Schaubühne in Berlin untrennbar mit ihm verbunden ist: „Hamlet“. Und wer gesehen hat, wie er den Hamlet spielt, weiß, dass er es in diesem Zustand nicht schaffen wird. „Das ist ein Marathon“ sagt sein Regisseur, er hat das Stück vom Spielplan genommen, kein anderer würde akzeptiert.

Quelle: Yotube

Diese beiden sind in diesem Film, was sie sind: Den Regisseur spielt der Regisseur Thomas Ostermeier, der Schauspieler ist Lars Eidinger, Nina Hoss(die Schwester), selbst lange im Ensemble der Schaubühne, ist Stückeschreiberin, ihr Ehemann Martin (Jens Albinus), spielt einen Lehrer mit Aussichten auf einen Direktorenposten an einem Schweizer Internat. Diese Vier sind das Kräftefeld, das diesen Film trotz aller Malaisen trägt. Virtuose Schauspieler natürlich, Marthe Keller, die als entsetzlich takt- und fühllose Mutter der Geschwister herumfuhrwerkt, miteingerechnet.

Schwächen in den Dialogen

Das Glück dieser Besetzung mildert die Schwächen der Dialoge, selbst ein „Okay“ oder die von den beiden gesunden Männern mehrfach wiederholte Floskel „Ich hatte keine Wahl“ klingen aus solchen Mündern nicht so banal, so herzkinohaft, wie sie sind. Auch die Kameraarbeit hat etwas Betuliches. Fast immer, egal an welchen Schauplätzen, ob im Westen Berlins, im Labyrinth der Schaubühne, in einer Charlottenburger Altbauwohnung oder einem erlesenen Chalet in der Schweiz – liegt Weichzeichner wie Gaze-Schleier über den Bildern. Manche Magazine machen so etwas, um Spuren zu tilgen, wenn Gesichter nicht mehr dreißig sind.

Es ist ein Schauspielerfilm, weil er im Grunde von nichts anderem erzählt. Was es für einen Schauspieler heißt, nicht mehr auf einer Bühne zu stehen, was es für eine ehemalige Schauspielerin heißt, wenn Brecht der letzte war, den sie als   Autor gelten lässt, wie es die Mutter tut. Was es für einen Regisseur heißt, wenn sein Publikumsmagnet ausfällt.

Kein bewundernder Blick auf die Schauspielerei

Ziemlich selbstreferenziell, ein Leben in der Blase der Kunst, autistisch fast, der Blick der Regisseurinnen auf dieses Milieu ist keinesfalls bewundernd. Warum sie den Schauspielern dieses Spiegellabyrinth bieten, erschließt sich nicht. Ist Eidinger doppelt herausgefordert, wenn er einen Schauspieler spielt, der Eidinger spielt? In diesem selbstbezogenen Betrieb ist die Krankheit nur ein Störfall, lästig zwar, aber nichts, was den Fokus ändert. Denn der Fokus bleibt die Bühne. Der Erfolg. Das eigene als immer funktionierend imaginierte Ich, das sich weigert, sich mit jener anderen Kunst zu beschäftigen, die im Mittelalter Ars Moriendi hieß, die Kunst zu sterben.

Schauspieler sterben viele Bühnentode, und oft lachen sie insgeheim dabei. Gewappnet sind sie so wenig wie alle anderen. „Was sind Atheisten“, fragt die kleine Tochter der Schwester einmal. „Jemand, der an nichts glaubt“, antwortet sie. An nichts, außer an sich selbst, müsste es heißen. Die Diagnose des Bruders hat ihren Glauben an sich selbst ins Wanken gebracht. Schreiben kann sie erst, als es ans Sterben geht.