Es war ein Versuch, mit den bescheidenen Mitteln, die man als Schüler hat, einen Protest zu zeigen. Es war eine Idee auch, sich als Gemeinschaft zu beweisen. Als am 25. Oktober 1956 mehr als 100 Demonstranten in Budapest erschossen wurden, schwiegen tags darauf die Schüler einer Abiturklasse in Storkow nahe Berlin zu Unterrichtsbeginn. Fünfzig Jahre später schrieb einer von ihnen, Dietrich Garstka, ein Buch darüber: „Das schweigende Klassenzimmer“.

Der Regisseur Lars Kraume, der sich mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ einen Namen gemacht hat als akribischer Geschichts-Erkunder, verlegt zwar die Handlung nach Stalinstadt, übernimmt aber Garstkas symbolischen Titel und schöpft aus dem historischen Material. Seine Zeitreise in die Fünfzigerjahre der DDR zeigt die rigiden Mechanismen der Bildungspolitik. Alle für einen bedeutete hier: Wenn kein Rädelsführer ausgemacht wird, trifft die Strafe die ganze Klasse. Es ist quälend zu sehen, wie Funktionäre über die Zukunft entscheiden.

Ein emotionaler Absturz

Der Regisseur und seine Schauspieler, das junge Ensemble genauso wie die Stars in den Nebenrollen, erschaffen zunächst eine beschwingte Atmosphäre des Aufbruchs. Umso emotionaler wirkt dann der Absturz.

Theo und Kurt haben im Kino in West-Berlin in der „Wochenschau“ von den demonstrierenden Ungarn erfahren, was in ihren Zeitungen nicht berichtet wurde. Die beiden Jungen tragen ihre Begeisterung zu ihren Freunden, heimlich treffen sich bald alle aus der Klasse zum Rias-Hören. Die Treffen laufen wie Partys ab, ihnen gefällt das Aufbegehren der ungarischen Studenten. Als das West-Radio vom blutigen Gegenschlag in Budapest berichtet, entsteht die Idee der Schweigeminute: spontan, fast euphorisch.

Es arbeitet im Kopf weiter

Mit einer Szene kippt die Stimmung des Films. Das ist, wenn die Schulrätin in die Klasse kommt und Schuldige sucht. Jördis Triebel spielt sie mit kühler Autorität. Von da an sind die Jugendlichen, die vorher so locker miteinander umgingen, gehetzt. Und als der Volksbildungsminister einreitet, ein selbstgerechter Herr (Burghart Klaußner), steht auch der bisher um Vermittlung bemühte Direktor (Florian Lukas) nur noch wie ein dummer Junge herum.

Jede Familie leidet, wenn das Kind aus politischen Gründen von der Schule fliegen soll. Wie kleine Inseln im Fortgang des Geschehens sind Szenen eingebaut, die dieses Ausmaß andeuten. Theos Vater (Ronald Zehrfeld) arbeitet auf Bewährung im Stahlwerk. Kurts Vater ist beim Rat der Stadt. Erik erfährt, dass sein verstorbener Vater nicht der Held war, für den er ihn hielt.

Theo und seinen Freunden gelang wie Dietrich Garstka und den meisten Mitschülern die Flucht in den Westen. Was der Film nicht zeigt, arbeitet danach im Kopf weiter: Erst 33 Jahre später konnte man wieder problemlos hin und herreisen. Die Mehrzahl der Akteure von damals wird ihre Familien nie wiedergesehen haben.

Das schweigende Klassenzimmer 20.2., 21 Uhr, Friedrichstadt-Palast, 21.2., 9.30 Uhr HdBF, 23.2., 21.30 Uhr, Casablanca, 25.2., 9.30 Uhr, HdBF