Und dann gibt es natürlich noch den Film als Bildungsmedium. Insbesondere im Fernsehen und als ARD-Produktion ist „Brecht“, der neue Zweiteiler des Doku-Fiktionalisten Heinrich Breloer auch geplant und gefördert worden. Auf der Berlinale sind die drei Stunden in der Sektion „Special“ zu sehen, Mitte Februar schließen sich bundesweit Kinovorführungen an, und am 22. März ist dann nationale Präsenzpflicht auf den Sofas.

Nach Lars Eidinger in Joachim A. Langs „Mackie Messer“ sind jetzt Tom Schilling und Burghart Klaußner Brecht. Wieder die Nickelbrille, wieder die raspelkurzen Stirnfransen, die speckige Lederjacke (Schilling) beziehungsweise die kastige, kragenlose, Arbeiterjacke (Klaußner). Weil sich Breloer dem säulenheiligen Dichter und Theatermacher von der privaten Seite nähern wollte, wird von einer Frau zur anderen erzählt, von Paula Banholzer über Marianne Zoff, Helene Weigel, Elisabeth Hauptmann, Ruth Berlau, Käthe Reichel, Regine Lutz bis zu Isot Kilian.

Reigen der Schlüsselszenen in „Brecht“

Dazwischen zeitgeschichtliche Auslassungen - teils mit Archivmaterial, teils nachgestellt - sowie die blitzblank gewienerte Treppe der künstlerischen Höhepunkte. „Trommeln in der Nacht“ in München, „Dreigroschenoper“ in Berlin, „Mutter Courage“ dann schon in der DDR. Unter fast völliger Aussparung des jahrelangen Exils reiht Breloer in den hyperrealistischen Spielszenen eine Schlüsselszene an die andere, jeder Satz ein Post-it für die Ewigkeit, vielsagende Blicke die Fülle, und wenn beim Mittagsschlaf mal das Telefon klingelt, ist natürlich direkt Anna Seghers dran.

Ein Pfund sind allerdings die Interviews mit Freunden und Mitarbeitern Brechts, die Breloer für eine Dokumentation schon Ende de 70er-Jahre gedreht hat, darunter mit Brechts Augsburger Geliebten Paula Banzhafer, mit der er einen Sohn hatte, oder mit dem Dichter Martin Pohl, der von der SED zu einer Zeit inhaftiert und gefoltert wurde, in der für Brecht der Stalinpreis noch als Krönung seines Schaffens galt.

Abstufungen von Bitterkeit

Ein Pfund ist auch Tom Schilling, der als junger Brecht die maßlose Anmaßung spielt, mit der sich Brecht als Dichtergenie in direkter Nachfolger Goethes sah. Burghart Klaußner ist dann seltsam weich und gutmütig und lässt die geistige Schärfe und attraktive Suggestivität, wegen der die Frauen auf Brecht trotz vielfach kolportierter mangelnder Körperhygiene fielen wie die Fliegen, vollkommen unerzählt. Adele Neuhauser als späte Helene Weigel hingegen ist großartig in ihren Abstufungen von Bitterkeit, die Brecht seiner zweiten Ehefrau von Anfang an bescherte, der Souveränität im Dulden, die Neuhauser hier sichtbar macht und der künstlerischen Energie, in die sie die private Situation transponierte.

Dennoch: Zeitgeschichte im Digest, die Ikone B.B. im Spiegel tränennasser Frauenaugen und seiner politischen Ideologie sowie jede Menge Ausstattungsfetischismus und holzgeschnitzte Dialog entlang der zu erwähnenden Themen: Schulfernsehen, wenn man so will, mit einem Hauch von Frivolität.

Termine: 9.2., 15 Uhr, 10.2. 13.30 Uhr und 15.2., 10.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele.