Die große Soulsängerin Aretha Franklin musste erst sterben, damit dieser Film gezeigt werden konnte. Schon 2015 hätte er auf dem Festival in Toronto laufen sollen, doch sie verhinderte es. Nachdem man ihn gesehen hat, versteht man nicht warum. Er ist großartig.

„Amazing Grace“ entstand 1972, da war „Respect“ schon erschienen, auch andere Hits, sie hatte Preise gewonnen. Mit dem nächsten Album wollte sie, die Tochter eines Baptistenpredigers, zurück zu ihren Wurzeln. An zwei Abenden nahm sie in einer Baptistenkirche in Los Angeles live das Album „Amazing Grace“ auf, ihr erfolgreichstes und das meistverkaufte Gospelalbum aller Zeiten. Im Auftrag von Warner Bros Records filmte Sidney Pollack diesen Prozess, dann gab es zunächst technische Probleme, die verhinderten, dass ein Film daraus wurde.

Traditioneller Gospel, ein bisschen Marvin Gaye und Carole King

Jetzt ist er da, und er besteht fast nur aus Musik, vor allem aus traditionellem Gospel, dazu ein bisschen Marvin Gaye und Carole King. Der enthusiastische Southern California Community Chor in seinen mit silbernen Pailletten besetzten Westen ist im Einsatz, Ehrwürden James Cleveland hat die musikalische Leitung, alle schwitzen unter den Scheinwerfern, und immer wieder zeigt die Kamera Aretha Franklin. In augenfälliger Siebzigerjahre-Robe, die einen Gegensatz zu ihrem schlichten kurzen Afro bildet, steht sie hinter einer Art Kanzel. Das ist kein Konzert, das ist ein Gottesdienst.

Mick Jagger und Charlie Watts im Publikum

Aretha Franklin hat eine unglaubliche Stimme, der Film führt es vor. Doch er bezeugt auch, dass diese nicht allein die ungeheure Anziehungskraft ihrer Kunst begründet. Es ist ihre Fähigkeit, ihren Vortrag von innen zu durchdringen, mit dem Körper, mit ihrem ganzen Wesen und so durchlässig zu sein, dass diese Inbrunst sich überträgt. Ihre Augen hält sie meist geschlossen, doch auch ohne Blickkontakt entsteht ein inneres Band zu dem Chor, zum Publikum in den Kirchenbänken, in dem sich am zweiten Abend Mick Jagger und Charlie Watts befinden. Die Menschen springen auf, sie weinen, lachen, tanzen, rufen. Selbst im Kino kommen einem die Tränen. Es ist eine Erlösung.