Der Nebel hängt tief über der Landschaft; vier Hirsche recken ihre Köpfe ins Bild. Tiere werden eine immens wichtige zweite Hauptrolle spielen in „Pokot“, dem neuen Film der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland. Die erste Hauptrolle hat die großartige Schauspielerin Agnieszka Mandat übernommen. Sie verkörpert Janina Duszejko, eine Frau, die keineswegs bei ihrem Vornamen genannt werden will – ganz so, als wäre dessen mädchenhafte Anmutung eine Kränkung. Duszejko hat früher als Ingenieurin Brücken gebaut in der Welt; jetzt ist sie in Rente und unterrichtet nebenbei Englisch in der örtlichen Schule.  Die Kinder lieben die vitale, charismatische Duszejko, und Duszejko liebt die Kinder. Zu Tieren aber hat diese Frau ein besonderes Verhältnis; fast ist es so, als könne sie deren Sprache verstehen.

Es kann durchaus als Statement gelten, eine Exzentrikerin  in den Mittelpunkt eines Films zu stellen. Schnell würde sich ein mit weniger Skrupeln behafteter Regisseur als Agnieszka Holland hier auf der sicheren Komödienseite wissen. Die Polin liefert ihre Protagonistin jedoch nie der Lächerlichkeit aus. Nein, sie macht sogar ein noch größeres Statement, indem sie diesen so innerlich bunten Menschen in den Beschränkungen einer ländlichen Umwelt  clever überleben lässt.

Duszejko glaubt an Astrologie, und  sie ist überzeugte Vegetarierin – das Gebot „Du sollst nicht töten“ nimmt sie wörtlich, was nicht nur den Unmut des wenig empathischen Pfarrers („Tiere sind keine Menschen“) auslöst, sondern auch nahezu alle Männer im Dorf vergrätzt. Wir befinden uns an der polnisch-tschechischen Grenze, in einer Bergregion, wo das Jagen eine lange Tradition hat und man auch Haustieren nicht sonderlich empfindsam begegnet, zumal fremden Haustieren. Als eines Tages Duszejkos beide Hunde, quasi ihre einzige Familie, verschwunden sind, ahnt der Zuschauer Schlimmes.

Immer wieder  fallen in diesem Film Schüsse, sieht man Tiere fliehen, Wildschweine  –  auch eine Sau mit Frischlingen, die  geschützt sein sollte –, Hirsche, Hasen. Immer wieder sieht man Duszejko gegen die bräsige Tötungslust der Jäger wüten, ohne Ergebnis, und man fragt sich: Wann wird die von diesen Männern verlachte Frau wohl endlich zurückschlagen? Das erfährt man indes nicht so schnell, denn auf der Grundlage  des  Romans „Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk entwickelt Agnieszka Holland ihre Filmerzählung   vorbehaltlich in verschiedene Richtungen, auch auf zeitlicher Ebene. Kurze Rückblenden werfen Schlaglichter in die Vergangenheit von Duszejkos Verbündeten und Freunden, und der  Wechsel der Jahreszeiten evoziert Handlungssprünge; so wird im Sommer ein lebloser Mann gefunden, der seit dem Winter vermisst wurde.

Es ist nicht der einzige Tote. Kurz nach dem Verschwinden ihrer Hunde hatte Duszejko in einer verschneiten Winternacht ihren toten Nachbarn entdeckt und bei dessen Leiche eine Hirschfährte. Bald werden andere Männer tot aufgefunden; alle hatten Machtpositionen in der dörflichen Gemeinschaft inne, in einem korrupten Gefüge; und alle waren passionierte Jäger; bei allen finden sich auch Spuren von Tieren. Gibt es einen Serienmörder im Dorf? Oder schlägt die Natur selbst zurück?

Jolanta Dylewska und Rafal Paradowski finden mit ihrer Kamera großartige, gleichnishafte Bilder. Die Filmmusik von Antoni Komasa-Lazarkiewicz hätte eine eigene Eloge verdient – sie vertieft die Dringlichkeit einer filmischen Erzählung, die sich zum universellen Plädoyer für die Schwachen und Verfolgten weitet. Als Genre-Mischung aus skurriler Detektivgeschichte, spannendem Ökothriller und feministischem Märchen ist „Pokot“ unbedingt ein Anwärter auf einen der Berlinale-Preise, etwa den Silbernen Bären für die Beste Darstellerin. An Agnieszka Mandats Spiel kann man sich einfach nicht satt sehen.

„Félicité“ von Alain Gomis zeigt den Kongo in prekärer Verfassung

Eine nicht weniger interessante Frauenfigur steht im Mittelpunkt des Films „Félicité“ von Alain Gomis. Nicht gerade häufig erreichen Kinoproduktionen aus Afrika westeuropäische Leinwände. Diese hier führt in die Demokratische Republik Kongo, nach Kinshasa, wo die Titelheldin ihren Lebensunterhalt als Sängerin in einer Bar verdient. Félicité  ist eine stolze, ja sogar unnahbare Frau, doch wenn sie singt, geht sie ganz auf in der gleichermaßen stark rhythmisierten wie melancholischen Musik.

Als ihr Sohn schwer verletzt wird bei einem Verkehrsunfall, versucht Félicité  das Geld für die dringend notwendige Operation aufzutreiben. Dabei führt sie der Weg zu armen Bekannten  und  reichen „Bossen“, durch Kinshasa und den afrikanischen Alltag; en passant entsteht so das Bild einer Gesellschaft in prekärer Verfassung, die tief im Archaischen ankert – einmal ist von Hexenkindern die Rede. Erschaffen hat Gomis dieses interessante, spröde Bild indes mit altbekannten visuellen Mitteln.