Berlinale-Wettbewerb: „La paranza dei bambini“: Die Mafia frisst ihre Kinder

Der Film „La paranza dei bambini“erhält von unserer Filmkritikerin drei von fünf Sternen. ★★★

★ Totaler Flop
★★ Misslungen
★★★ Sehenswert
★★★★ Bären-Kandidat
★★★★★ Meisterwerk

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Zu Anfang schleifen sie einen Weihnachtsbaum in einem noblen Einkaufszentrum. Das Bild sagt: Ihnen ist nichts heilig. Dabei stimmt das gar nicht. Sie sind eigentlich fast normale Teenager, Nicola und seine Freunde. Nur, dass sie in einer Stadt leben, die von Camorrabanden beherrscht wird, und in den Schaufenstern der Geschäfte in der Innenstadt Neapels Uhren liegen, die für sie immer unerschwinglich bleiben werden, selbst wenn es ihnen gelingen sollte, einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen.

Doch das ist im von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Süden Italiens nicht wahrscheinlich. „La paranza dei bambini“ des italienischen Regisseurs Claudio Giovannesi erinnert daran, dass die Mafia selbst aus der Armut erwächst und aus der Perspektivlosigkeit.

Der Film beruht auf Roberto Savianos Roman „Der Clan der Kinder“ von 2018, in dem der Autor ein neues Phänomen beschreibt: Die Entstehung von Kinderbanden, die noch skrupelloser handeln als die erwachsenen Mafiosi, da für sie gar keine Regeln mehr gelten. Solche Unterschiede zwischen einem 15-jährigen und einem 25-jährigen Camorrista arbeitet der Regisseur nicht heraus.

„La paranza dei bambini“: Jungs, die sich bei Youtube informieren, wie eine Maschinenpistole funktioniert

Höchstens sind die Jungs naiver und deshalb wagemutiger. Einmal an der Macht, entwickelt ihr Anführer Nicola sogar Robin-Hood-Qualitäten und schafft das Schutzgeld ab, das die Ladenbesitzer an die vorigen Herrscher des Viertels zahlen mussten. Dafür kassieren sie bei den Dealern ab.

Auf ihren Mopeds brettern sie durch die engen Gassen ihres Viertels Sanità, die Handkamera folgt Nicola, manchmal kommt sein unschuldiges Lächeln, oft sein Hinterkopf ins Bild. Wir sehen die Welt mit seinen Augen. Bei der Darstellung von Gewalt ist Giovannese übrigens zurückhaltend.

Dass sich die Jungs bei Youtube informieren, wie eine Maschinenpistole funktioniert, ist allerdings so alters- wie zeitgemäß und auch die Fluidität von Geschlechtergrenzen. Dies ist möglicherweise der erste Mafia-Film, in dem der Held sich als Mädchen verkleidet, wenn auch nur, um einen Mord begehen zu können. Sonst hat er die ewige Männerrolle als Herrscher und Beschützer verinnerlicht.