Oulaya Amamra (links) als Djemila und Logann Antuofermo als Luc.
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BerlinDer Film ist erst wenige Minuten alt, als unversehens die Stimme eines Erzählers aus dem Off erklingt. Diese erloschen geglaubte Konvention tritt scheinbar ohne Not auf den Plan. Die Handlung und das, was in den Figuren vorgeht, würden wir auch so verstehen: Die Liebe bleibt nicht, wo sie ist.

Luc (Logann Antuofermo) kommt nach Paris, um sich an einer Eliteschule für Kunsttischler zu bewerben. Damit erfüllt er den Lebenstraum, der seinem Vater (André Wilms) verwehrt blieb. In der großen Stadt weist ihm Djemila (Oulaya Amamra) den Weg und verliebt sich in ihn. Daheim allerdings trifft er Geneviève (Louise Chevillote) wieder, die er aus den Augen verloren hatte und die ihn nun nicht mehr gehen lassen will. Als er an der Schule angenommen wird, begegnet er Betsy (Souheila Jacoub), womit der Reigen anoch nicht zu Ende ist.

Liebe als eine Folge von Gelegenheiten

Die Erzählstimme mutet als Überfluss an in diesem Film, der mit bemerkenswerter Sparsamkeit inszeniert ist. Dennoch mag Philippe Garrel in „Le sel des larmes“ (Das Salz der Tränen) nicht auf ihre Intervention verzichten, die das Publikum jeweils für einen Moment aus dem Fluss der Bilder reißt. Sie hat den Vorzug, Ironie ins Spiel zu bringen und Garrels einnehmend unerfahrenem Hauptdarsteller zuzeiten unter die Arme zu greifen. Sie trägt die Handschrift des Drehbuchautors Jean-Claude Carrière, dessen Fabulierkunst immer auch ein Gegengewicht, ja Korrektiv seiner Regisseure ist. Seit Garrel ihn vor ein paar Jahren als Co-Autor gewann, trat unversehens der Humor in sein Kino ein. Carrière versteht es, Situationen in der Schwebe zu halten. Aber in „Le sel des larmes“ wird das bald zum Problem.

Trailer zu „Le Sel des larmes“ (Das Salz der Tränen).

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Garrel ist fasziniert von den Anfängen der Liebe, dem frühen Zauber, der erhabenen Verlegenheit. Die ersten Umarmungen filmt er hinreißend als Choreographie des Tastens, Drängens und der zärtlichen Abwehr. Er respektiert auch die entschlossene Verletzbarkeit der Frauen. Er entdeckt darin die größere Klugheit.

Allerdings hat er mit seinem Protagonisten gemeinsam, dass sein Elan nach der Kaskade der Komplikationen erlischt. Für Luc ist die Liebe weder Spiel noch Verbindlichkeit, sondern eine Folge von Gelegenheiten, die ergriffen werden wollen. Garrel wiederum erfüllt sich seine Schaulust zu ungeniert, tappt in seine alte Falle, schöne, junge Frauen ausführlich beim Duschen zu filmen. Ist das noch Obsession oder schon Routine? Die nonchalante Freizügigkeit des Altachtundsechzigers weist Schleifspuren auf.

Ein Ensemble unverbrauchter Gesichter

Jedoch ist sie aufgehoben in einer Filmsprache, die sie nicht konserviert, sondern nostalgisch reflektiert. Garrel ist nach wie vor überzeugt, dass die Nouvelle Vague keine abgeschlossene, sondern eine fortdauernde Epoche der Filmgeschichte ist. Er dreht noch entschieden analog, in grobkörnigem Schwarzweiß, auf 35mm und in Cinemascope.

Renato Bertras Kamera unterstreicht das Schillern der Gefühle, in dem sie behände den Fokus verschiebt, eine Spannung zwischen Schärfe und Unschärfe schafft, bei der die Dominanz einer Figur in jedem Moment revidiert werden könnte. Auch Garrels weitere Mitarbeiter gehen mit altmeisterlicher Frische ans Werk: Francois Gedigiers Montage setzt Ellipsen, die diskret darauf bestehen, dass aus den Augen nicht aus dem Sinn bedeutet; der große Toningenieur Guillaume Sciama fängt das Timbre der Schauspieler und Ambientes achtsam ein.

Ihre Kunstfertigkeit umfängt ein Ensemble der unverbrauchten Gesichter, aus dem ein verwittertes hervorsticht. André Wilms, Veteran zahlreicher Kaurismäki-Filme, spielt hier seine erste Greisenrolle, erschreckend und bewundernswert gebrechlich. Er überstrahlt die anderen nicht, sondern bringt sie als Komplize zum Leuchten. Lucs Vater ist lebensklug genug für beide, ein philosophierender Schreiner, der auf die Gefühle hört und schweigt, wenn es die Empfindsamkeit gebietet. Die Beziehung von Vater und Sohn ist ein wehmütiges, behutsames Glück: die wahre Romanze dieses Films.