Der Film „Mr. Jones“erhält von unserem Filmkritiker drei von fünf Sternen. ★★★

★ Totaler Flop
★★ Misslungen
★★★ Sehenswert
★★★★ Bären-Kandidat
★★★★★ Meisterwerk

+++

Wenn man in landläufige Suchmaschinen die Begriffe „Ukraine“ und „Hungersnot“ eingibt, erscheint als weiteres Schlagwort augenblicklich „Kannibalismus“. Die Gräuel des „Holodomor“, der Tötung durch Hunger, müssen unvorstellbar gewesen sein. Bis heute streiten Historiker darüber, wie viele Millionen Menschen ihm seit den späten 1920er Jahren in der Ukraine und anderen Sowjetrepubliken zum Opfer fielen. Wie kann sich das Kino von dieser Agonie ein Bild machen?

Der britische Journalist Gareth Jones erlebte sie im Frühjahr 1933 am eigenen Leib. Agniezka Holland macht sich seine Perspektive zu eigen, um ihre Erzählung verbürgt zu wissen und legitimieren zu können. Für Jones (James Norton), der sich geschickt aus dem Gewahrsam seiner sowjetischen Aufseher befreit hat, wird die Reise in die Ukraine zu einem Abstieg in die Hölle. Schon im Zug musste er zusehen, wie sich Reisende um eine weggeworfene Orangeschale stritten. Um jeden Krumen Brot wird erbittert gekämpft.

Der Finger am Abzug

In einem Bauernhaus, wo er Zuflucht vor der eisigen Kälte sucht, teilen verlorene Kinder ein Stück Fleisch mit ihm. Als er aus der Tür tritt, entdeckt er, dass sie ihm einen Fetzen aus dem Oberschenkel ihres verhungerten Bruders angeboten haben. Holland erzählt vom Grauen nicht episch, sondern intim. Sie will ein menschliches Maß wahren. Natürlich ist auch das unerträglich. Wenn Jones Leichen am Straßenrand oder ihren Abtransport auf Panjewagen fotografieren will, versagt ihm der Finger am Abzug.

Der Gegensatz zu dem Leben, das Jones einige Tage zuvor noch in Moskau kennenlernte, könnte schärfer nicht sein. Holland inszeniert es, nicht unvergnügt, als eine Vorhölle der Dekadenz. Stalins Außenminister Litwinow, dem Jones ein dezent nachgebessertes Empfehlungsschreiben des britischen Premierministers Lloyd George vorlegt, entpuppt sich als eitler Feinschmecker.

Erlesene Neigungen

Walter Duranty (Peter Saarsgard), der Moskau-Korrespondent der New York Times, verfügt über beste Beziehungen zu Stalin, den Jones interviewen will (kurz vorher war ihm ein ähnlicher Coup mit Hitler und Goebbels gelungen). Er zieht es jedoch vor, daheim Orgien zu feiern, auf denen er erlesen unpuritanischen Neigungen nachgehen kann.

Stalin selbst bleibt eine Leerstelle, was kein Schaden ist, denn die Schurkenrolle füllt Duranty prächtig genug aus. Der Pulitzer-Preisträger hat sich längst zum Komplizen des Regimes machen lassen und versucht nach Kräften, Jones’ Recherchen zu behindern und seine Enthüllungen zu diskreditieren.

Dämonisierte Widersacher

Agniezka Holland, einst von Artur Brauner und auch von Hollywood wegen ihrer gediegen-erschütternden Holocaust-Dramen umworben, vertraut nicht über Gebühr darauf, dass sich diese Chronik entsetzlicher Verheerungen als konventioneller Journalistenfilm erzählen lässt. Jones ist zwar ein findiger, unanfechtbarer, auch verschüchtert charmanter Gewährsmann der Wahrheitssuche.

Aber um das Unvorstellbare zu fassen, weiß die Regisseurin sich keinen Rat, als seine Widersacher zu dämonisieren. Ihr Erzählmodell aufwühlender historischer Rekonstruktion steckt längst in der Krise. Auch die barocken Spiegelfechtereien, zu denen sich die Inszenierung zuweilen aufrafft, verleihen „Mr. Jones“ keine Dringlichkeit.

Bizarre Geschichtsschreibung

Zu den Bizarrerien ihrer Geschichtsschreibung gehört, dass am Ende ausgerechnet William Randolph Hearst als Deus ex machina auftritt, jener übermächtige Pressemagnat, der gleichermaßen Hitler, Mussolini und Roosevelt bewunderte.

Für zusätzliche, durchaus reizvolle Verwirrung sorgen die dramaturgischen Bewegungen, die Andrea Chalupas Drehbuch vollzieht. Gleich zu Beginn führt es auf eine kurios falsche Spur, in dem es einen anderen Autoren als den Titelhelden an der Schreibmaschine zeigt. Bald darf man ihn als George Orwell identifizieren, der sich beim Schreiben von „Farm der Tiere“ Rechenschaft ablegt über die Bestialität der menschlichen Natur.

Wogendes Weizenfeld

Dieser Auftakt ist ein wenig fahrlässig, aber bravourös: Immerhin führt die Kamera, die von einem Schweinestall über ein wogendes Weizenfeld in Orwells Schreibzimmer schwebt, die Themen Hunger, Überfluss und Zeugenschaft ebenso drastisch wie lyrisch zusammen.

Der Film legt nahe, dass sich der Schriftsteller von Jones’ Reportagen zu seiner Parabel inspirieren ließ. Das ist historisch weder verbürgt, noch braucht seine Leistung derlei Aufwertung. Und der Brückenschlag zu einer Gegenwart, die sich unbequeme Nachrichten vom Hals hält, in dem sie sie als falsch deklariert, ist ohnehin offensichtlich genug.