Kritiker-Wertung: Der Film „Systemsprenger “erhält von unserer Filmkritikerin vier von fünf Sternen. ★★★★

★ Totaler Flop
★★ Misslungen
★★★ Sehenswert
★★★★ Bären-Kandidat
★★★★★ Meisterwerk

+++

Dieser Film ist eine Zumutung. Er rüttelt den Zuschauer durch. Im Mittelpunkt steht, nein: wirbelt Benni, ein Mädchen, das überall Chaos verursacht. Man erfährt nicht, seit wann Bernadette (den Namen hasst sie) nicht mehr zu Hause wohnt.

Dass es lange sein muss, zeigt ein Detail. In einem Wohnheim angekommen, räumt Benni ihre Sachen in ein Regal. Sie hat einen Ausraster hinter sich, ist noch von blauen Flecken und Schorf gezeichnet. „Du hast aber viele Fotoalben“, sagt der neue Betreuer. „Jedes Mal, wenn ich irgendwo weg bin, habe ich zum Abschied so’n Album bekommen“, antwortet sie.  Da ist sie wenigstens  bereit, mit ihm zu sprechen, vorher hatte sie mit rüden Worten und Tritten versucht, ihn aus  dem  Zimmer zu werfen. Er hält das aus, normalerweise betreut er gewalttätige Jungs. 

Die Farben explodieren in „Systemsprenger“

In Benni steckt so viel Wut. Die Regisseurin Nora Fingscheidt lässt dafür nicht nur ihre Hauptdarstellerin Helena Zengel ausrasten und in  immenser Lautstärke  kreischen. Sie bringt momentweise die Farben zum Explodieren, lässt den Film flattern. Sie übersetzt das Unsichtbare in Bilder: die Explosion im Gehirn. 

Der Wert einer Gesellschaft bemisst sich auch daran, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Insofern kann man diesen deutschen Berlinale-Beitrag durchaus als politischen Film verstehen. Er handelt von den Möglichkeiten, mit einem Problemkind umzugehen. Sie sind begrenzt: Auf der psychiatrischen Kinderstation gibt es nicht genug Plätze, eine Wohngruppe nach der anderen lehnt Benni ab. Am besten geht es dem Kind immer dann, wenn jemand eins zu eins mit ihm befasst ist. Man merkt bald, dass alle dies wissen, es die Mittel dafür aber nicht gibt. Und  Bennis Mutter erweist sich als überfordert.

„Systemsprenger“: Sehnsucht nach Liebe

Es zerreißt einen beim Zuschauen, wenn die unendliche Sehnsucht Bennis nach Liebe sichtbar wird. Sie singt der Mutter, die mal wieder einen Termin mit den Betreuern versäumt hat, ein selbstgedichtetes Lied ins Telefon. Sie  umarmt die Jugendamtsmitarbeiterin (mit Wärme in jeder Geste gespielt von Gabriela Maria Schmeide), sie bettelt ihren Schulbegleiter an, ihn Papa nennen zu dürfen. 

Der Titel des Films „Systemsprenger“ mag zynisch klingen, wenn man ein neunjähriges Mädchen sieht, zart und blond, von anderen Kindern als „Psycho“ gehänselt.  Der Titel geht  auf einen in Deutschland verwendeten – gleichwohl umstrittenen – Begriff für verhaltensauffällige Menschen zurück, bei denen die Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe scheitern. Die Regisseurin, die auch das Drehbuch geschrieben hat, setzt viele ihrer Figuren ins Recht, zeigt Gründe, an Bennis Verhalten zu verzweifeln. Sie zeigt auch Erwachsene, die die Kontrolle verlieren: einen Lehrer, den Freund der Mutter. Und es gibt Ursachen, die nicht ergründet werden (können), ein frühkindliches Trauma, das wie ein Rätsel über der Handlung liegt.

„Systemsprenger“: Fragen, die bleiben

Die Intensität des Eindrucks wird leider gegen Ende des Films schwächer, da sich Szenen wiederholen. Etwas mehr Mut beim Schnitt wäre gut gewesen. Dennoch: „Systemsprenger“ bleibt im Kopf mit seiner energiesprühenden Hauptdarstellerin. Und mit seinen Fragen, die viele in dieser Gesellschaft etwas angehen. 

Termine: 9.2. 9.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast, 12 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, 20.30 Uhr, HAU, 17.2., 18.30 Uhr, Berlinale-Palast.