Das Geräusch und die Popmusik führen eine wechselhafte Beziehung voller Missverständnisse. Lange galt das Geräusch, das musikalisch unter dem Begriff „Noise“ firmiert, als das große Andere des Pop: inkommensurabel, renitent, nicht integrierbar. Das erste Atonal-Festival, das der Berliner Impresario Dimitri Hegemann 1982 im legendären Punk-Schuppen SO36 organisierte, war auch ein Zeugnis dieses Widerspruchs. Hier hatte sich alles versammelt, was dezidiert nicht in das Klangverständnis der auf Harmonien und Melodien gegründeten Popmusik passte. Die Geräusche, die die Einstürzenden Neubauten, Throbbing Gristle und die „Genialen Dilletanten“ produzierten, waren – auch im metaphorischen Sinn − ein mutwillig herbeigeführter Systemabsturz.

Driftende Texturen

Am vergangenen Sonntag ging im ehemaligen Heizkraftwerk in Mitte die zweite Ausgabe des neu aufgelegten Atonal-Festivals mit einem kathedralischen Live-Set des kanadischen Soundkünstlers Tim Hecker auf angemessene Weise zu Ende. Das arbiträre Prinzip der Klangerzeugung hat mit der Entwicklung immer fortschrittlicherer Software ausgedient. Geräusche sind längst nicht mehr das Resultat eines vorsätzlichen Missbrauchs, sondern vorprogrammiert. Tim Heckers Auftritt stand exemplarisch für die neue Atonal-Idee des „Forming Space“. Klangtexturen verschieben sich unmerklich wie tektonische Gesteinsplatten, sie bilden Verwerfungen und Brüche. In ihrer sinfonischen Tiefe sind sie gleichzeitig erhaben und verblüffend körperlich.

So selbstbewusst tritt Tim Hecker inzwischen mit seinem Sound-Verständnis auf, dass er es sich am Sonntag sogar leisten konnte, die Lichter in der spektakulären Industrie-Architektur einfach auszulassen. Während die meisten Auftritte an den insgesamt fünf Tagen mit nur teilweise interessanten visuellen Konzepten den Räumlichkeiten zur Entfaltung verhalfen, löste Tim Hecker das Problem mit der Überwältigungsarchitektur auf seine Weise: Er stellte sich einfach in die Dunkelheit und entwarf mit seinen Soundscapes einen eigenen, vielschichtigen und dabei enorm voluminösen Klangraum.

Die Dimensionen des alten Kraftwerks am Spreeufer erwiesen sich aber auch als Herausforderung, mit der die Organisatoren zu kämpfen hatten. Gelegentlich schienen sich die zahlreichen Gäste in dem Gewölbe zu verlieren. Ebenso erging es leider auch der Akustik, die nur im vorderen Drittel des Mittelschiffs eine glasklaren Präzision besaß, die etwa für den Sound von Bleed Turquoise, dem mit Spannung erwarteten neuen Projekt von Emptyset-Mastermind James Ginzberg, das dank Stromgitarre dann aber doch auffällig an die mahlende Psychedelik der Spacemen 3 erinnerte, dringend nötig gewesen wäre. Die Musik drohte angesichts der Weitläufigkeit des Ortes in den Hintergrund zu treten.

Doch glücklicherweise besaß sie dennoch, und das war vielleicht die tollste Erkenntnis in diesem Jahr, auf dem Atonal-Festival auch eine integrative Kraft. War das konzertante Live-Erlebnis am Eröffnungsabend mit dem Ensemble Modern, das Steve Reichs leichthändig verschraubtes „Music for 18 Musicians“ auf wundervoll transparente Weise aufführte, vielleicht noch sinnfällig, bot der Platz vor der Bühne, trotz der besseren Akustik, bei den meisten Acts nur ein beschränktes Klangerlebnis.

Begehbare Installationen

Das Kraftwerk mit seinen Nischen und Durchbrüchen entpuppte sich im Laufe der Tage vielmehr als begehbarer Klangkörper, der das Verhältnis von Hörer und Musik ständig neu auslotete. Im Kleinen konnten die Besucher dieses Raumgefühl in der 4DSound-Installation im Untergeschoss erleben, in der unter anderem der norwegische Elektroakustiker Geir Jenssen alias Biosphere sehr konkrete Klanglandschaften entwarf. Die Zuhörer bewegten sich während des Auftritts frei zwischen den säulenartigen Boxen, Jenssen stellte mit seinen umweltfeundlichen (Vogelgezwitscher) bis martialischen (Rotorblätter, die knapp über die Köpfe des Publikums hinwegsausen) Soundscapes erneut seine Klasse als Komponist unter Beweis.

Aber jedes noch so demokratisch aufgestellte Festival braucht seine Helden, und das Atonal bot diesen am vergangenen Sonnabend mit Richard H. Kirk, dem letzten verbliebenen Mitglied von Cabaret Voltaire, auf. Die „Cabbies“, wie sie von Fans genannt werden, haben mit ihrem Wandel vom Post-Industrial über den Synthiepunk bis zur Electronic Body Music jene Entwicklung nachvollzogen, die das diesjährige Atonal über weite Strecken geprägt hat. Musikalisch war der Cabaret Voltaire-Auftritt nur mäßig interessant. Man spürte Kirks Bemühungen, mit der Zeit gehen zu wollen, klanglich war das Resultat wie auch die Analog-Ästhetik seiner Visuals dennoch nur ein schöner Anachronismus. Aber selbst im Cabaret Voltaire-Auftritt war die integrative Kraft zu spüren, die die Fans der ersten Atonal-Festivals mit der nachgewachsenen atonalen Weltjugend verband, die sich am letzten Wochenende vielsprachig im Kraftwerk an der Spree versammelt hatte. Berlin kann definitiv ein Festival gebrauchen, das sich so vielversprechend zwischen der eher E-Musik-orientierten MaerzMusik und dem Club Transmediale positioniert.