Als der Aufbau Verlag seinen letzten runden Geburtstag feierte, stand sein Haus noch nicht, da war sogar unklar, wem er gehört. Vielleicht auch deshalb sagt Matthias Koch, mit siebzig stecke der Verlag gewissermaßen in seiner Pubertät. Er selbst ist zwei Jahre älter. „Ich hoffe, dass ich diese Phase überwunden habe“. Ein Jungverleger ist er dennoch, auch wenn er lieber als Eigentümer des Verlags und Geschäftsführer des Aufbau Hauses angesprochen werden möchte.

„Verleger bedeutet im klassischen Sinne, dass man ein Programm macht, die Kontakte zu den Autoren pflegt, die operative Arbeit macht. Das bin ich nicht.“ 2008 hat er Aufbau gekauft, quasi nebenbei. Er war auf der Suche nach einem Grundstück für ein Kreativhaus. Einen Verlag wünschte er sich schon für seine Mischung aus Kultur und Dienstleistern, einen kleinen eigentlich. Doch da bot der Insolvenzverwalter Aufbau an.

Jetzt gibt der Verlag sogar dem ganzen neuen Haus am Moritzplatz den Namen. Wo er ihn in zehn Jahren sehe? So zurückhaltend Matthias Koch wirken mag, wenn man ihm in größerer Runde begegnet, er ist zielstrebig: „Er sollte als unabhängiger Verlag bestehen und relevante Bücher produzieren, sonst hat er keine Existenzberechtigung. Ich hoffe, dass er dann einer der führenden Verlage der Berliner Republik ist.“

Das wäre mal ein schönes Etikett. Noch hängt dem Verlag meist das Kürzel DDR an, er war ja neben Volk und Welt der wichtigste Literaturverlag des Ländchens. Gegründet wurde er kurz nach Kriegsende, da gab es die DDR noch nicht. Aufbau hat sie als einer von sehr wenigen überlebt und sich auch nach Rückschlägen behauptet.

Läuft man durch das Aufbau Haus, braucht man einen Begleiter, um sich in dem kühn geplanten Bau zurechtzufinden. Kleine Firmen sitzen in gläsernen Büros, Organisationen der Sinti und Roma haben Ausstellungsräume. Modulor, der größte Mieter, ist nicht zu übersehen, auch eine Buchhandlung gibt es. Im Haus ist einiges in Bewegung. Gerade bekam der Kindergarten mehr Platz. Über zwei Etagen entsteht eine Bibliothek mit Aufbau-Büchern, die zum Teil eingelagert sind, seit der Verlag vom Hackeschen Markt wegzog. Dort saß er, solange er Bernd F. Lunkewitz gehörte. Der hatte Aufbau 1991 von der Treuhand gekauft und zeitweise recht erfolgreich geführt.

Neu gefüllt wurden bereits zwei ehemalige Chefbüros: Vor anderthalb Jahren wechselte Matthias Koch die Spitze aus, schickte die langjährigen Geschäftsführer wegen „unterschiedlicher Auffassungen über die künftige strategische Ausrichtung des Hauses“ weg. Er holte keine neuen Besen von außen, sondern beförderte die bisherigen leitenden Lektoren Gunnar Cynybulk (Aufbau Hardcover, Blumenbar) und Reinhard Rohn (Aufbau Taschenbuch, Rütten & Loening).

Sehen sie sich denn als Verleger? „Verleger ist eine Ehrenbezeichnung“, sagt Cynybulk, „die muss man sich erarbeiten.“ Und Rohn: „Wir verstehen uns nach wie vor als Mitarbeiter, wir sind ja nicht ganz vom Tagesgeschäft weg.“

Wofür steht der Verlag?

Die beiden sitzen in Cynybulks Büro und reichen sich höflich die Fragen weiter, damit jeder seine Sicht darlegen kann. Sie müssen umsetzen, wovon der Eigentümer träumt: den Verlag mit wichtigen Büchern im Gespräch halten. Später wird die Lektorin Angela Drescher, die am längsten bei Aufbau ist, es als angenehm beschreiben, dass sie sich gut verstehen. Und den Autoren gefalle es, dass beide selbst Autoren sind. „Es ist gut, wenn man weiß, wie schwierig das ist zu schreiben, wenn man weiß, wie verletzlich man in dem Augenblick ist, da man etwas geschrieben hat. "

Dabei verkörpern sie unterschiedliche Typen. Ein gutes Dutzend Kriminalromane hat Reinhard Rohn geschrieben. Nach Lieblingsbüchern aus dem Verlag befragt, spricht er denn auch über Spannungsliteratur, die gehobene: Greg Iles’ Südstaatenroman „Natchez Burning“, ist für ihn die great american novel. Eliot Pattisons Debüt „Der fremde Tibeter“ lobt er für „eine bestimmte Art von anderer Krimihandlung“. Und Deon Meyer schätzt er sehr.

Da bleibt für Gunnar Cynybulk ein weites Feld übrig – frei nach Fontane, um den sich sein Verlag über Jahrzehnte sehr verdient gemacht hat. Er sagt einfach: „Für mich ist der wichtigste Schriftsteller im Aufbau Verlag Victor Klemperer.“ Mit den Tagebüchern des als Juden entrechteten Philologen Victor Klemperer aus der Nazizeit hatte Aufbau Mitte der 90er-Jahre riesigen Erfolg.

Nun ließ sich mit seinen Revolutionstagebüchern von 1918 noch ein Coup landen. Cynybulk und Rohn erzählen, wie die Buchpremiere etwas schief lief, als das Publikum ein kluges Gespräch über Klemperer überklatschte, um länger Burghart Klaußner aus dem Buch lesen zu hören.

Die Lesung gibt es vollständig auf CD, denn: „Das ist etwas, was wir uns jetzt trauen“, erläutert Rohn, „wir machen für bestimmte Titel auch wieder selbst Hörbücher.“ Die Beteiligung am Audio-Verlag DAV war in der Insolvenz flöten gegangen. Cynybulk ergänzt, ganz als Geschäftsmann: „Da, wo wir Spitzen setzen wollen, wollen wir die Rechte bei uns behalten, auch im E-Book und im Hörbuch, und wir würden auch gern Filmrechte lizenzieren.“

Apropos Film. Er springt auf vom Platz am Besprechungstisch und geht zu seinem Computer, klickt ein bisschen, schiebt den Lautstärke-Regler hoch. „Entschuldigung, wo geht’s denn hier zum Auerhaus?“, fragt ein Mann mit einer Axt. Das ist Bov Bjerk, der Schriftsteller. Der Schauspieler Robert Stadlober beginnt mit viel Wärme in der Stimme den alten Madness-Song „Our House“ zu singen. Anheimelnd klingt der Youtube-Trailer zu Bjerks Roman „Auerhaus“. Im Internet präsent zu sein, gehört heute dazu. Nach der Zukunft gefragt, sagt Cynybulk später in bester Laune, wir hätten ja gerade „in the middle of our street“ gehört, er sehe Aufbau bald „on the sunny side of the street“ – auf der Sonnenseite.

Dort befindet sich jetzt schon Franziska Günther, die leitende Sachbuchlektorin, auch wenn sie es nicht so ausdrückt. Sie sagt: „Das Geschäft war nie krisenfrei. Ich konnte, ich kann mich nie zurücklehnen.“ Aber in diesem Jahr hat es schon der vierte Titel in den oberen Bereich der Sachbuch-Bestsellerliste geschafft – nach einem Gesprächsband von Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer, den Jugenderinnerungen des Kabarettisten Tom Pauls, Manfred Flügges „Das Jahrhundert der Manns“, noch der neue Klemperer.

„So viele Jahre, da wir so gut vertreten waren unter den ersten zwanzig, habe ich nicht erlebt.“ Die 43-Jährige ist schon 17 Jahre im Verlag. Sie lobt die Kolleginnen, bei denen sie gelernt habe, was Lektorat bedeutet: Textarbeit, Editions-Sorgfalt. Sie redet lebendig, anschaulich und spricht dabei einen Kernsatz aus: „Die Schwierigkeit von Aufbau liegt darin, zu pflegen, was den Verlag tradiert, was auch seine Leser, die Buchhändler, das Feuilleton von ihm erwarten – aber es zugleich behutsam zu erneuern.“

In den letzten Jahren wirkte das Programm im Zuge dieser Erneuerung zuweilen etwas unübersichtlich, man wusste nicht genau, wofür der Verlag steht. Heute aber tauchen die drei Säulen des Aufbau-Gebäudes in allen Gesprächen auf: Die Exilliteratur und mit ihr verbundene Autoren, also Lion Feuchtwanger und Anna Seghers, wie auch Klemperer und Hans Fallada. Zweitens das Erbe der DDR mit Autoren wie Erwin Strittmatter. Drittens die deutsche und internationale Gegenwartsliteratur.

Die wird auch von Tom Müller betreut, der beim Imprint Blumenbar zum Beispiel das „Auerhaus“ verantwortete. „Ich sehe Blumenbar ein bisschen als Experimentierlabor“, sagt er, „was nicht heißt, dass wir Experimentalliteratur machen. Wir wollen herausfinden, welche Dinge gehen für jüngere Leser und welche nicht, wie schaffen wir Spannendes, Neues, wie erreichen wir die digital natives.“ Deshalb veranstaltet Blumenbar Buch-Partys, deshalb bloggt der Lektor, trifft sich mit Buchhandelsschülern. Ob das reicht? Von ihm und den anderen Kollegen um die Dreißig wird noch viel erwartet. Und doch ist er stolz auf die Tradition: „Ich bin in Ost-Berlin geboren. Ich war zwar sieben Jahre alt, als die Mauer gefallen ist, habe bei Kiepenheuer & Witsch in Köln angefangen, aber Aufbau ist mir vertraut vom Bücherregal meiner Eltern. Das ist eine schöne Pointe meiner Lebensgeschichte.“

Dieses Regal hat Angela Drescher mit bestückt. Sie ist seit 1974 im Verlag, betreute Autoren wie Christoph Hein und Christa Wolf, gab 2007 den nachgelassenen Roman „Rummelplatz“ von Werner Bräunig heraus, der in der DDR nicht erscheinen durfte. Sie hat früher länger und gründlicher an den Manuskripten arbeiten können, sagt sie, trauert dieser Gründlichkeit nach, aber keinesfalls der Zensur. Gunnar Cynybulk war bei ihr Praktikant. Sie schätzt seine unaufgeregte, souveräne Art als Chef und lobt ihn auch als Autor, sein Debüt „Das halbe Haus“ erschien im März 2014 bei Dumont, ein Familienroman über drei Generationen.

Rau und unfertig: der Moritzplatz in Kreuzberg

Lieblingsautoren aus dem Verlag, will sie erst nicht nennen, um nicht ungerecht zu sein, verrät aber doch, dass sie sich auf „Lager“ von Angela Rohr freut. Eine wichtige Entdeckung, sagt sie. Die Autorin überlebte als Ärztin Stalins Gulag. In den Sechzigerjahren hatte sie erfolglos versucht, ihre Erinnerungen drucken zu lassen.

Auf Angela Dreschers Tisch liegen Stapel von Manuskripten, zum Beispiel die Erinnerungen des ältesten Sohns von Erwin Strittmatter. Die werden im kommenden Frühling erscheinen. „Im Jahr darauf höre ich auf.“ Das klingt ein bisschen trotzig, als müsste sie sich darauf einschwören. Am Hackeschen Markt, wo der Verlag vorher war, wäre es ihr jetzt zu touristisch, sagt sie.

Und in der Französischen Straße, in der er zu DDR-Zeiten residierte, sei heute alles so geleckt, ein ganz anderes Berlin. „Aber hier gefällt es mir, alles noch so rau und unfertig, auch weil man die Grenze noch so vor Augen hat. Und das Nebeneinander verschiedener Kulturen hier in Kreuzberg ist schön, die vielen jungen Leute ringsum.“ Aufbau hat einen guten Platz für den Aufbruch in die Zukunft.